Über mich

Willkommen in meiner kunterbunten Welt – zwischen Fisch, Politik und Punkrock

Ein Leben zwischen Fisch, Politik und Punkrock – und der großen Liebe

1967 hatte Bremerhaven einen neuen Rekord zu feiern: meine Geburt. Ich kam als schwerstes Baby der Stadt zur Welt – eine Nachricht, über die sich vermutlich vor allem die Hebamme noch lange unterhalten hat. Als Sohn eines Fischräucherers und einer Hauswirtschafterin wuchs ich zwischen Räucherduft und der Kunst des perfekten Butterbrots auf.

In der Schule war ich eher durchschnittlich – zumindest auf dem Papier. In der Disziplin „Unsinn machen“ gehörte ich dagegen zur Spitzengruppe. Besonders gern focht ich mit meinem zehn Jahre älteren Bruder kleine und größere Kämpfe aus. Während andere Kinder mit Playmobil spielten, wuchs ich zwischen Willy Brandt und Herbert Wehner auf – zumindest indirekt: Mein Vater war tief im Wahlkampf verwurzelt und kleisterte fleißig SPD-Plakate.

Politik war aber nicht das Einzige, was mich prägte. Mein weltoffener Vater nahm mich zu vielen Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern mit. So lernte ich früh, dass Vielfalt das Leben spannender macht – auf dem Teller genauso wie im Gespräch. Und dass Fisch zwar vieles kann, aber nicht jede Diskussion gewinnt.

Geschichte, Punk und Politik – eine explosive Mischung

In den 1980er-Jahren entdeckte ich zwei große Leidenschaften: Geschichte und Musik. Während manche Mitschüler im Geschichtsunterricht gedanklich schon in der Pause waren, war ich mit Feuereifer dabei – besonders, wenn es um das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus ging.

Mein Vater erzählte von seiner Flucht aus Deutsch Eylau, meine Mutter von ihrer Flucht aus Stettin. Die Erlebnisse ihrer Kindheit begleiteten sie ein Leben lang. Meine Mutter litt bis zu ihrem Tod 2008 darunter. Mein Vater konnte nie begreifen, wie der Nationalsozialismus überhaupt möglich geworden war. Diese Familiengeschichten haben mich geprägt und meinen Blick auf Geschichte und Verantwortung geschärft.

1981 wurde ich Schulsprecher – vermutlich auch, weil ich einfach nicht die Klappe halten konnte. Bald darauf saß ich im Vorstand der Bundes-Schülervertretung. Die Politik hatte mich endgültig gepackt. 1983 trat ich den Grünen bei, und im selben Jahr gründeten wir die Grüne Jugend Initiative Bremerhaven.

Es folgten Müsli, Friedensdemos und Proteste gegen Atomkraft – ob in Brokdorf, Gorleben oder Wackersdorf: Ich war dabei.

Gemeinsam mit anderen gründete ich auch eine Schülerfriedensinitiative. Wir erklärten unsere Schule kurzerhand zur atomwaffenfreien Zone. Ob das die NATO damals ernsthaft beeindruckt hat, wage ich zu bezweifeln. Aber wir waren überzeugt, dass wir etwas verändern konnten.

Später leistete ich meinen Zivildienst auf Spiekeroog. Frieden, Abrüstung und Verständigung waren für mich keine leeren Worte, sondern politische Überzeugungen. Dass ich diese Haltung Jahrzehnte später in Teilen grundlegend überdenken würde, hätte ich damals für vollkommen ausgeschlossen gehalten. Aber dazu später mehr.

Dann kam 1984 die Musik dazu. Ich hörte zum ersten Mal Slime und Die Toten Hosen und war sofort infiziert. Mit ein paar Gleichgesinnten gründete ich die Punkband Aktion Saubere Autobahntoiletten.

Der Name war vielleicht nicht besonders glamourös, aber immerhin wusste jeder sofort, worum es ging – oder fragte vorsichtshalber noch einmal nach. Unsere Konzerte waren laut, roh und chaotisch. Also genau richtig.

Vom Punk zum Saft – und zum Gewerkschaftskampf

1986 verließ ich den hohen Norden und zog nach Baden-Württemberg. Dort begann ich eine Ausbildung zur Fachkraft für Fruchtsafttechnik.

Ja, richtig gelesen: vom Punk zum Saft.

Mein Berufsweg führte mich von der Produktion über die Qualitätssicherung bis ins Labor. Dazu kamen Fortbildungen, ein Studium und immer neue Aufgaben. Saft war jedenfalls nicht das Einzige, was ich in Bewegung brachte.

Auch im Betrieb blieb ich nicht lange still. Ich engagierte mich in der Gewerkschaft NGG, wurde Vertrauensmann, Betriebsrat und später Betriebsratsvorsitzender. Insgesamt war ich 15 Jahre Betriebsratsvorsitzender und 36 Jahre lang im Saftladen.

Gewerkschaftsarbeit bedeutete für mich, nicht nur über faire Arbeitsbedingungen zu reden, sondern gemeinsam dafür einzutreten.

Natürlich gab es dabei Konflikte. Wer jahrzehntelang mit Geschäftsführungen verhandelt, weiß schließlich, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht immer dieselbe Vorstellung von Gerechtigkeit haben. Überraschend, ich weiß!

Antifaschismus blieb dabei immer ein Herzensthema. Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit hatten und haben bei mir keinen Platz.

Hausbesetzung in Stuttgart – „Schwabe soll leben!“

In den frühen 1990er-Jahren war ich nicht nur gewerkschaftlich aktiv, sondern auch mitten in der Stuttgarter Hausbesetzerszene. Die Schwabenstraße sollte erhalten bleiben.

Unter dem Motto „Schwabe soll leben!“ besetzten wir das Haus – aus sozialem Protest, wegen der Wohnraumpolitik und mit einer ordentlichen Portion jugendlichem Revoluzzergeist.

Ich organisierte von Anfang an mit und führte sogar Verhandlungen mit der Stadt Stuttgart und Oberbürgermeister Manfred Rommel.

Trotz aller Bemühungen scheiterten die Gespräche. Die Stadt blieb hart, die Schwabenstraße wurde geräumt und schon am nächsten Tag das Haus abgerissen. Das löste heftige Proteste und Straßenschlachten aus.

Für mich war das eine prägende Zeit: voller Idealismus, Gemeinschaft und dem festen Glauben, dass man etwas bewegen kann – aber auch voller Frust darüber, dass manchmal lieber abgerissen als weitergeredet wird.

Politische Wege – und die Freiheit, keiner Partei anzugehören

2001 reichte es mir bei den Grünen. Ich war zunehmend unzufrieden mit ihrer politischen Entwicklung, insbesondere in sozialpolitischen Fragen. Die spätere Hartz-IV-Politik bestätigte mich in meiner Kritik.

Ich trat aus und wechselte später zur PDS, aus der schließlich zusammen mit der WASG Die Linke wurde. Dort engagierte ich mich intensiv: unter anderem als Kreisschatzmeister, Kreissprecher und Bundestagskandidat.

Im Laufe der Jahre übernahm ich verschiedene politische Aufgaben. Während meiner Zeit bei den Grünen war ich unter anderem im Vorstand der Alternativen Liste Bietigheim-Bissingen und kandidierte für den Gemeinderat. Später engagierte ich mich bei der Linken und wurde Kreissprecher im Rems-Murr-Kreis.

Ich wollte nicht nur zuschauen, sondern mitgestalten – vor allem bei sozialer Gerechtigkeit und Arbeitnehmerrechten.

Später war ich auch Mitglied der SPD und kehrte zeitweise noch einmal zur Linken zurück. Doch im Sommer 2026 zog ich endgültig einen Schlussstrich.

Besonders der Umgang mit Antisemitismus, antizionistischen Positionen und die außenpolitische Ausrichtung innerhalb der Linken waren für mich nicht mehr tragbar.

Jüdisches Leben liegt mir sehr am Herzen. Jüdinnen und Juden müssen hier sicher leben können – nicht nur auf dem Papier und nicht nur an Tagen des Gedenkens, sondern ganz selbstverständlich im Alltag.

Ich stehe zum Existenzrecht Israels, zur Sicherheit seiner Bevölkerung und zu einer Zwei-Staaten-Lösung, die auch den Palästinensern Freiheit, Sicherheit und Selbstbestimmung ermöglicht. Gleichzeitig darf und muss man die Politik jeder israelischen Regierung kritisch hinterfragen können.

Heute möchte ich keiner Partei mehr angehören.

Ohne Parteibuch fühle ich mich freier: Ich kann meine Meinung sagen, ohne erst zu prüfen, ob sie in irgendein Parteiprogramm passt. Politisch interessiert bin ich natürlich weiterhin. Nur muss ich dafür nicht mehr bei jeder Sitzung die Tagesordnung überleben.

Meine politische Grundhaltung ist geblieben: sozialdemokratisch mit ökologischer Prägung, grünen Wurzeln und einem christlichen Menschenbild.

Man könnte sagen: politisch immer noch ziemlich bunt, aber inzwischen ohne Mitgliedsausweis-Sammlung.

Auch in der Gewerkschaft blieb ich lange aktiv – als Vertrauensmann, Betriebsrat, Vorsitzender und Organisator. Mitbestimmung, Arbeitnehmerrechte und soziale Gerechtigkeit enden für mich nicht an der Werkstür.

Die große Liebe – Yasmin und Veronika

2001 brachte mir nicht nur politische Veränderungen, sondern vor allem die große Liebe: Yasmin, die weltbeste Frau.

Mit ihr kam auch ihre Tochter Veronika in mein Leben, die ich sofort ins Herz schloss und die für mich wie eine eigene Tochter ist.

Heute arbeitet sie wissenschaftlich im Bereich Chemie und Informatik und verfolgt ihren Weg in Richtung Promotion. Unser kleines Superhirn also – bei Familienfragen helfen wir gern, bei Quantenphysik halten wir uns eher an die Kaffeetassen.

Yasmin ist für mich weit mehr als meine Partnerin. Sie ist meine wichtigste Vertraute, mein Rückhalt und manchmal vermutlich auch die Einzige, die es schafft, meinen politischen Redefluss rechtzeitig zu stoppen.

Und glauben Sie mir: Das ist eine beachtliche Leistung!

Cowboys & Cowgirls – die Pferdezeit beginnt

2008 erfüllten wir Veronika einen großen Wunsch: ein eigenes Pferd. So kam Akyna, eine stolze Haflingerstute, zu uns.

Wie das mit Pferden oft so ist, blieb es nicht bei einem. Bald folgte King, ein American-Quarter-Horse-Wallach, mit dem Vroni auf Westernturnieren richtig erfolgreich war. Später kamen Muh, eine American-Paint-Horse-Stute, und ihr Fohlen dazu.

Wir wurden zur Turnierfamilie: Mit Pferdeanhänger und VW-Bus ging es von Wettbewerb zu Wettbewerb. Yasmin machte Vroni hübsch, ich kümmerte mich um die Pferde und um die Fotos.

Stallgeruch und Pferdehaare wurden praktisch zur Familienuniform – und es war eine wunderbare Zeit.

Der Schlaganfall – und ein neues Leben

Am 4. Mai 2016 nahm mein Leben eine radikale Wendung. Während der Arbeit erlitt ich einen Schlaganfall.

Es war mein letzter Tag im Betrieb.

Danach musste ich in vieler Hinsicht wieder von vorn anfangen. In den folgenden Jahren durchlief ich verschiedene Kliniken und Reha-Einrichtungen, um möglichst viel Selbstständigkeit zurückzugewinnen.

Arbeiten kann ich seitdem nicht mehr. Wenn der Stress länger als etwa eine halbe Stunde anhält, zieht mein Körper die Notbremse – und der ist bei solchen Entscheidungen ziemlich unbeirrbar.

Zu den Folgen gehören unter anderem Einschränkungen beim Sehen, Gefühlsstörungen, Nervenschmerzen, Gleichgewichtsprobleme und eine deutlich verminderte Belastbarkeit.

Ich musste lernen, dass mein Kopf manchmal mehr will, als mein Körper leisten kann. Eine Erkenntnis, die für einen ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden mit ausgeprägtem Diskussionsbedarf nicht immer leicht zu akzeptieren ist.

Ich habe gelernt: Das Leben ist nicht vorbei, nur weil es anders weitergeht.

Meine Familie war mein Anker, Ärztinnen, Ärzte und Therapeuten waren meine Navigatoren. Und mein Glaube hat mir in dieser Zeit Halt gegeben.

Gott hat mir ein neues, anderes Leben geschenkt.

Nicht unbedingt das Leben, das ich mir ausgesucht hätte. Aber eines, das es weiterhin wert ist, gelebt und gestaltet zu werden.

2020 – Corona, Chaos und klare Haltung

Auch die Corona-Pandemie ging nicht spurlos an mir vorbei. Meine dringend benötigte Reha wurde abgesagt – ein harter Einschnitt.

Yasmin und ich ließen uns so früh wie möglich impfen. Gleichzeitig wollte ich nicht einfach herumsitzen. Für unsere Gemeinde half ich älteren Menschen, die selbst keine Impftermine organisieren konnten.

Das war zeitweise ein 24-Stunden-Betrieb mit Telefon, Listen, Geduld und Herzblut – und vermutlich mehr Warteschleifenmusik, als ein Mensch freiwillig hören sollte.

Beim VdK fanden die Versammlungen nur noch per Video statt. Auch das war gewöhnungsbedürftig.

Besonders beschäftigten mich die sogenannten „Querdenker“. Ich widersprach ihren Verschwörungserzählungen und ihrer Nähe zur AfD immer wieder klar.

Für mich war erschreckend, wie leicht sich Menschen von solchen Erzählungen mitreißen lassen und wie sehr das die Gesellschaft spaltet.

Ich finde, die Entscheidungen der Regierung in dieser historischen Ausnahmesituation müssen fair und sorgfältig aufgearbeitet werden. Nicht alles lief gut. Es war eine Situation, die niemand zuvor erlebt hatte.

Fehler müssen benannt werden – und aus ihnen muss man lernen. Das gilt in der Politik genauso wie im ganz normalen Leben.

2021 – Maggy zieht ein

2021 zog Maggy bei uns ein.

Unsere Hündin hat sich nicht nur in unsere Herzen geschlichen, sondern tut auch meiner Psyche gut. Sie bringt Bewegung und Struktur in den Alltag und ist eine treue Begleiterin.

Egal, wie es mir geht: Maggy schaut mich an, wedelt mit dem Schwanz – und die Welt sieht schon ein kleines bisschen freundlicher aus.

Politisch ist sie übrigens ausgesprochen neutral. Ihr ist ziemlich egal, welche Partei gerade regiert, solange der Futternapf rechtzeitig gefüllt wird.

Vielleicht sollten sich manche Politiker davon eine Scheibe abschneiden.

2022 – Putins Angriffskrieg verändert mein Weltbild

Am 24. Februar 2022 geschah etwas, das meine außenpolitischen Überzeugungen grundlegend veränderte: Russland begann seine groß angelegte Invasion der Ukraine.

Wladimir Putin ließ einen souveränen europäischen Staat angreifen. Städte wurden zerstört, Menschen getötet, Familien auseinandergerissen und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen.

Für mich war das ein tiefer Einschnitt.

Ich war schließlich ein Kind der Friedensbewegung. In den 1980er-Jahren demonstrierte ich gegen Atomwaffen und Aufrüstung. Ich hatte mich bewusst für den Zivildienst entschieden und glaubte lange, dass Abrüstung, Verständigung und Diplomatie der einzig richtige Weg seien.

Und nun musste ich mich fragen: Was nützt der schönste Pazifismus, wenn ein Land überfallen wird und seine Menschen um Freiheit und Überleben kämpfen?

Soll die Ukraine einfach ihre Waffen niederlegen, damit wir in Deutschland wieder ruhig schlafen können?

Für mich lautet die Antwort heute ganz eindeutig: Nein!

Nicht die Ukraine hat Russland angegriffen, sondern Russland die Ukraine.

Die Ukraine hat das Recht, sich zu verteidigen. Und ich halte es für richtig, dass Deutschland und Europa sie dabei auch militärisch unterstützen.

Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, einmal Waffenlieferungen zu befürworten. Heute bin ich überzeugt, dass sie zur Verteidigung gegen den russischen Angriff notwendig sind.

Auch mein Blick auf die Bundeswehr und die europäische Sicherheit hat sich verändert. Hätte ich als junger Mann die Welt so erlebt wie heute, wäre meine Entscheidung für den Zivildienst möglicherweise anders ausgefallen.

Das bedeutet nicht, dass ich meine früheren Überzeugungen für wertlos halte. Im Gegenteil. Mein Wunsch nach Frieden ist geblieben.

Aber ich habe gelernt, dass Frieden und Freiheit zusammengehören. Ein aufgezwungener Frieden, bei dem ein angegriffenes Land seine Selbstbestimmung verliert, ist für mich kein gerechter Frieden.

Und nein, ich bin deshalb nicht plötzlich zum begeisterten Panzerfan geworden. Mein musikalischer Geschmack liegt weiterhin bei Punkrock und nicht bei Militärmärschen.

Ich habe meine außenpolitische Meinung geändert, nicht meine Werte.

Solidarität mit der Ukraine – nicht nur mit Worten

Natürlich konnte und wollte ich es nicht dabei belassen, meine Meinung in sozialen Netzwerken kundzutun.

Ich organisierte Medikamentenspenden und medizinische Hilfsgüter für die Ukraine. Denn wer die schrecklichen Bilder aus zerstörten Städten und Krankenhäusern sieht, erkennt schnell, dass dort ganz praktische Hilfe benötigt wird.

Darüber hinaus organisierte ich Kundgebungen gegen Putins Angriffskrieg, um öffentlich ein Zeichen für die Ukraine, für Freiheit und gegen die russische Aggression zu setzen.

Für mich gehörten diese Aktionen zusammen: humanitäre Hilfe für Menschen in Not und eine klare politische Haltung gegen den Krieg.

Besonders bewegt haben mich persönliche Begegnungen mit ukrainischen Menschen.

Eine davon werde ich so schnell nicht vergessen: Bei einer medizinischen Untersuchung lernte ich eine ukrainische Krankenschwester kennen. Sie erzählte mir, dass ihr Mann im Krieg gefallen war.

Während sie zeitweise in Deutschland arbeitet, hilft sie in ihrer Heimat bei der Versorgung von Verwundeten in einem Lazarett nahe der Front.

Ihre Geschichte hat mich tief berührt.

Sie sprach nicht voller Hass, sondern voller Sorge um ihre Familie, ihr Zuhause und die Zukunft ihres Landes. Und mit einem bemerkenswerten Stolz darauf, dass ihr Mann seine Heimat verteidigt hatte.

In solchen Momenten werden aus politischen Nachrichten plötzlich ganz persönliche Schicksale.

Seitdem ist meine Haltung noch klarer geworden: Ich möchte, dass dieser Krieg endet. Aber nicht dadurch, dass die Ukraine zur Kapitulation gezwungen wird.

Diplomatie ist notwendig. Friedensverhandlungen sind wichtig. Doch ein dauerhafter Frieden braucht Sicherheit, Freiheit und die Anerkennung der ukrainischen Selbstbestimmung.

Frieden darf nicht bedeuten, dass der Angreifer belohnt und das Opfer bestraft wird.

Und wenn ich eines aus meinen eigenen Erfahrungen gelernt habe, dann dies: Solidarität ist nicht nur ein schönes Wort für Sonntagsreden. Man muss manchmal auch selbst etwas dafür tun.

2024 – ein Jahr der Verluste

Manchmal meint es das Leben nicht gut. 2024 war so ein Jahr.

Zuerst starb mein Onkel Rudi, im April mein geliebter Vater. Im August folgte plötzlich mein Bruder, und kurz vor Weihnachten mussten wir auch noch Abschied von meinem Schwiegervater nehmen.

So viele Verluste in so kurzer Zeit steckt niemand einfach weg.

Ich trauere, erinnere mich an die gemeinsamen Zeiten und versuche, Schritt für Schritt weiterzugehen.

Die Menschen, die wir lieben, bleiben auf ihre Weise Teil unseres Lebens.

Gerade in solchen Zeiten habe ich gemerkt, wie wichtig Familie, Freundschaft und Glaube sind. Und dass es im Leben Dinge gibt, die sehr viel bedeutender sind als irgendwelche Ämter, politische Streitigkeiten oder die nächste Vorstandssitzung.

Mein Engagement im VdK – und warum ich schließlich ganz ausgestiegen bin

Neben meiner gewerkschaftlichen und politischen Arbeit engagierte ich mich viele Jahre im Sozialverband VdK.

Nach meinem Schlaganfall wusste ich aus eigener Erfahrung, mit welchen Schwierigkeiten Menschen mit Behinderungen, Erwerbsgeminderte und Pflegebedürftige im Alltag zu kämpfen haben.

Deshalb wollte ich meine Erfahrungen aus der Betriebsratsarbeit nutzen, um anderen Menschen zu helfen.

Ich übernahm den Vorsitz im Ortsverband Kernen und später auch Verantwortung auf Kreisebene. Im April 2024 wurde ich einstimmig zum Kreisverbandsvorsitzenden des VdK Waiblingen gewählt.

Ich wollte etwas bewegen: für Menschen mit Behinderungen, für Pflegebedürftige, für Rentnerinnen und Rentner und für all jene, die im komplizierten deutschen Sozialrecht manchmal schneller den Überblick verlieren als ich meine Lesebrille.

Wir eröffneten eine Geschäftsstelle mit einem offenen Beratungsangebot. Außerdem beschäftigte ich mich mit sozialpolitischen Themen, Barrierefreiheit, Pflege und der Zukunft der ehrenamtlichen Arbeit.

Doch zunehmend merkte ich, dass meine Vorstellungen von Zusammenarbeit und notwendigen Veränderungen nicht überall auf Gegenliebe stießen.

Mir war klar, dass die bestehenden Strukturen angesichts fehlender ehrenamtlicher Nachwuchskräfte und überalterter Vorstände langfristig nicht überall funktionieren würden. Deshalb wollte ich die Zusammenarbeit zwischen Ortsverbänden verbessern und über neue Strukturen nachdenken.

Dabei kam es zu grundlegenden Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Auseinandersetzungen.

Besonders enttäuscht haben mich manche Äußerungen und Einstellungen in meinem damaligen Verbandsumfeld. Wenn Bürgergeldempfänger oder Geflüchtete pauschal abgewertet werden, widerspricht das meinem Verständnis von sozialer Gerechtigkeit.

Solidarität darf für mich nicht davon abhängen, welche Herkunft jemand hat, wie viel Geld auf seinem Konto liegt oder ob er gerade arbeiten kann.

Dazu kamen meine gesundheitlichen Einschränkungen und die schweren familiären Verluste.

Irgendwann musste ich erkennen, dass mein Körper längst die rote Karte gezeigt hatte, während mein Kopf immer noch eine außerordentliche Vorstandssitzung einberufen wollte.

Im März 2025 zog ich deshalb einen endgültigen Schlussstrich: Ich legte sämtliche Ämter nieder und trat vollständig aus dem Sozialverband VdK aus.

Nicht nur als Vorsitzender, sondern auch als Mitglied.

Dieser Schritt fiel mir nicht leicht. Ich möchte damit ausdrücklich nicht die wichtige Arbeit vieler engagierter Menschen im VdK infrage stellen. Meine Entscheidung beruhte auf meinen persönlichen Erfahrungen, den Konflikten in meinem damaligen Umfeld und meiner gesundheitlichen Situation.

Und eines ist mir wichtig:

Ich habe den VdK verlassen, aber nicht meine sozialen Überzeugungen.

Für soziale Gerechtigkeit, eine solidarische Rentenpolitik, eine gerechte Pflegeversorgung und die Rechte von Menschen mit Behinderungen werde ich mich weiterhin einsetzen.

Dafür brauche ich keinen Vorstandsposten, keinen Mitgliedsausweis und auch keine dreistündige Sitzung mit anschließendem Protokoll.

Letzteres vermisse ich übrigens am allerwenigsten.

Ein neues Zuhause – und Toddy gehört jetzt auch dazu

Inzwischen haben wir ein neues Haus. Wir haben es umgebaut und so gestaltet, dass wir uns darin wirklich wohlfühlen können.

Besonders wichtig war uns dabei, das Haus möglichst barrierefrei zu gestalten. Denn nach meinem Schlaganfall und weiteren gesundheitlichen Problemen weiß ich sehr genau, dass Treppen nicht unbedingt die besten Freunde eines Menschen mit Bewegungseinschränkungen sind.

Es ist ein Zuhause geworden, das zu unserem Leben passt – mit Platz für gemütliche Stunden, Familie und natürlich Hundehaare an Stellen, an denen man sie vorher nicht vermutet hätte.

Auch Toddy, der Hund meiner Tochter, ist bei uns eingezogen. Mit Maggy versteht er sich prächtig und fühlt sich inzwischen richtig wohl.

Die beiden sind eine Bereicherung für uns alle. Bei uns ist also jetzt noch mehr Leben im Haus – und die Hunde haben die Frage, wer auf dem Sofa sitzen darf, vermutlich längst unter sich geklärt.

2026 – Herr Rollator und die Kunst, trotzdem weiterzumachen

Auch gesundheitlich blieb es bei mir nicht langweilig.

Im Februar 2026 musste ich wegen erheblicher Probleme an der Lendenwirbelsäule operiert werden. Danach begann erneut eine Zeit mit Schmerzen, Physiotherapie und dem mühsamen Versuch, wieder beweglicher zu werden.

Seitdem begleitet mich zeitweise ein neuer Herr in meinem Leben: Herr Rollator.

Er ist zuverlässig, hat vier Räder, widerspricht mir selten und bringt mich meistens dorthin, wo ich hinmöchte. Nur mit dem Punkrock hat er es noch nicht so ganz.

Natürlich fällt es mir nicht immer leicht, auf Hilfsmittel angewiesen zu sein. Aber ich habe gelernt, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, alles ohne Unterstützung schaffen zu müssen.

Manchmal gehört auch ein Rollator dazu.

Und solange ich damit noch zu Veranstaltungen, zu Freunden oder einfach mit den Hunden unterwegs sein kann, ist das doch schon eine ganze Menge.

Musik bleibt – die Rollator Gang

Meine Liebe zur Musik hat übrigens auch die vielen gesundheitlichen Rückschläge überlebt.

Der Punkrock begleitet mich seit meiner Jugend. Nur dass ich heute vielleicht etwas länger brauche, um auf die Bühne zu kommen.

Mit der Rollator Gang lebt diese Leidenschaft weiter. Unsere Musik verbindet Punkrock, Humor und die Erfahrungen von Menschen, deren Leben nicht immer geradeaus verlaufen ist.

Dabei geht es um Krankheit, Behinderung, Lebensfreude, Zusammenhalt und natürlich auch um die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Früher hieß unsere Band Aktion Saubere Autobahntoiletten. Heute Rollator Gang.

Man sieht also: Künstlerisch habe ich mich durchaus weiterentwickelt. Zumindest sind die Bandnamen kürzer geworden.

Mein Glaube – kein Heiligenschein, sondern ein Kompass

Mein christlicher Glaube begleitet mich durch viele Lebensabschnitte.

Ich verstehe mich als liberalen Christen. Für mich bedeutet Christsein vor allem Nächstenliebe, Menschlichkeit, Verantwortung und Solidarität.

Ich glaube nicht, dass man anderen Menschen ständig erklären muss, wie sie zu leben haben. Viel wichtiger ist für mich, wie man selbst mit anderen umgeht.

Gerade nach meinem Schlaganfall, den schweren familiären Verlusten und den gesundheitlichen Rückschlägen war mein Glaube eine wichtige Stütze.

Dabei habe auch ich Zweifel und Fragen. Und manchmal bin ich mit dem lieben Gott durchaus in einer lebhaften Diskussion.

Aber vielleicht gehört genau das zu einem lebendigen Glauben dazu.

Für mich sind christliche Werte und soziale Gerechtigkeit keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.

Nächstenliebe endet nicht an Staatsgrenzen. Und Menschenwürde darf niemals von Herkunft, Religion, Geschlecht, Behinderung oder sozialem Status abhängig sein.

Heute – mit Herz, Haltung und Humor

Heute bin ich parteilos und fühle mich damit freier.

Meine politischen Überzeugungen sind trotzdem geblieben: soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung, Mitbestimmung, Demokratie und ein klares Eintreten gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus.

Besonders wichtig ist mir, dass jüdisches Leben in Deutschland sicher und selbstverständlich möglich ist.

Genauso wichtig ist mir die Unterstützung der Ukraine und die Verteidigung einer europäischen Friedensordnung, in der Grenzen nicht mit Gewalt verschoben werden dürfen.

Meine außenpolitische Haltung hat sich seit 2022 grundlegend verändert. Das sehe ich nicht als Widerspruch zu meiner Vergangenheit in der Friedensbewegung.

Im Gegenteil: Ich habe gelernt, dass man seine Überzeugungen immer wieder an der Wirklichkeit überprüfen muss.

Wer mit zwanzig genauso denkt wie mit sechzig, hat entweder sehr früh alles verstanden – oder zwischendurch nicht besonders viel nachgedacht.

Ich gehöre jedenfalls nicht zur ersten Kategorie.

Mein Leben hat viele Kapitel: Fisch und Politik, Punk und Gewerkschaft, Hausbesetzung und Betriebsratsarbeit, Friedensbewegung und Ukrainehilfe, Pferde und Hunde, große Liebe, schwere Verluste und ein neuer Anfang im eigenen Zuhause.

Nicht alles ist so gekommen, wie ich es geplant hatte. Aber langweilig war es selten.

Und wenn ich etwas gelernt habe, dann dies: Man darf seine Meinung ändern, ohne seine Werte zu verraten. Man darf Fehler eingestehen, ohne den Mut zu verlieren. Und man darf über sich selbst lachen, auch wenn das Leben einem manchmal wenig Grund dazu gibt.

Mein Motto lautet: Die Vergangenheit ist gut zum Lernen, aber das Leben geht weiter.

Die Welt dreht sich – und ich drehe mich mit ihr. Vielleicht heute etwas langsamer als früher, manchmal mit Rollator, aber immer noch mit vollem Herzen dabei.

Und wenn es dabei nach Fisch, Hund oder Punkrock riecht, dann ist das eben meine ganz persönliche Mischung.

Das Leben ist kein Parteibuch. Und Menschlichkeit braucht keinen Mitgliedsausweis.

Udo Rauhut – udotopia, Oktober 2026

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