
Manchmal muss man den Blick senken, um zu verstehen, worum es wirklich geht. Ein Name auf einer Messingplatte. Ein Geburtsjahr. Ein Hinweis auf Verfolgung, Deportation und Mord. Stolpersteine holen einzelne Menschen aus der Anonymität der großen Zahlen zurück in unseren Alltag.
Genau darin liegt für mich ihre Kraft. Sie erinnern daran, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus konkrete Nachbarinnen und Nachbarn betrafen. Menschen mit Wohnungen, Familien, Berufen und Hoffnungen. Es begann nicht erst an fernen Orten. Es begann auch in den Straßen, in denen wir heute unterwegs sind.
Deshalb macht es mich wütend, wenn das Gedenken vor allem zum Material für parteipolitische Auseinandersetzungen wird. Wer welchen Antrag stellt, kann politisch wichtig sein. Aber hinter jeder Debatte müssen die Menschen sichtbar bleiben, an die erinnert werden soll.
Ich erwarte dabei gleiche Maßstäbe für alle Parteien. Antisemitismus darf nicht nur dann benannt werden, wenn er dem politischen Gegner vorgeworfen werden kann. Er muss auch im eigenen Umfeld ernst genommen werden. Das gilt ebenso für den Umgang mit unserer Erinnerungskultur.
Über die konkrete Gestaltung des Gedenkens kann man sprechen. Betroffene Familien, jüdische Gemeinden und lokale Initiativen verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit. Was ich ablehne, ist ein Umgang, bei dem Erinnerung zur Verhandlungsmasse wird und die politische Taktik mehr zählt als die Würde der Opfer.
Als Christ und als Demokrat empfinde ich darin eine Verantwortung. Gedenken ist keine bequeme Rückschau auf eine abgeschlossene Vergangenheit. Es fragt uns, wie wir heute mit Menschen umgehen, die ausgegrenzt oder bedroht werden.
Stolpersteine ersetzen keine Bildung und keine politische Haltung. Aber sie können uns unterbrechen. Sie können einen alltäglichen Weg zu einer Frage machen: Wer hat hier gelebt? Was ist diesem Menschen geschehen? Und welche Verantwortung folgt daraus für mich?
Diese Fragen verdienen Respekt. Sie sind zu wichtig, um sie im nächsten parteipolitischen Schlagabtausch zu verlieren.
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