
Über schlaflose Nächte, Nervenschmerzen, die Liebe meines Lebens, Willy Brandt und die Kunst, trotzdem dankbar zu sein.
Manchmal wache ich morgens auf und denke: Wer hat mich eigentlich heute Nacht durch die Waschmaschine geschleudert? Und warum ausgerechnet im Schleudergang bei 1.400 Umdrehungen?
Mein Körper fühlt sich an, als hätte ich die Nacht auf einer Baustelle verbracht. Nur leider war ich nicht der Bauleiter, sondern das Material.
Die Nervenschmerzen haben wieder einmal ihre eigene Party gefeiert. Ohne Einladung, ohne Rücksicht und selbstverständlich ohne vorher bei mir anzufragen.
Manchmal frage ich mich, ob meine Nerven überhaupt wissen, dass nachts eigentlich Ruhezeit ist.
Aber dann kommt etwas, das stärker ist als der Schmerz: Dankbarkeit.
Ich darf aufstehen. Ich darf einen neuen Tag erleben. Und ich bin dem lieben Gott dankbar, dass er mich nach allem, was mein Körper schon durchgemacht hat, noch immer hier sein lässt.
Vielleicht hat er ja gedacht: Den lassen wir noch ein bisschen unten auf der Erde. Der hat noch genug zu meckern!
Und dann hat er mir auch noch Yasmin an die Seite gestellt.
Eine wunderbare Frau, die mich liebt, mich manchmal erträgt und vermutlich längst Anspruch auf eine himmlische Geduldsmedaille hätte.
Sie ist für mich Liebe, Halt, Zuhause und manchmal auch die freundliche Erinnerung daran, dass nicht jede meiner Ideen sofort umgesetzt werden muss.
Wenn ich an all das denke, weiß ich: Ich habe trotz meiner gesundheitlichen Einschränkungen verdammt viel Glück gehabt.
Deutschland sucht den Mecker-Weltmeister
Natürlich mache auch ich gelegentlich bei unserer inoffiziellen deutschen Meisterschaft im Meckern mit.
Und ich gebe zu: Manchmal bin ich durchaus medaillenverdächtig.
Über die Politik, die Bürokratie, die Ungerechtigkeiten und darüber, dass man für manche Anträge gefühlt erst drei Formulare braucht, um das eigentliche Formular beantragen zu dürfen.
Aber bei allem Gemecker vergesse ich eines nicht:
Unsere Demokratie ist ein unglaubliches Geschenk. Und sie ist alles andere als selbstverständlich.
Ich weiß, was dieser demokratische und soziale Rechtsstaat für mich bedeutet. Gerade als Mensch, der durch Krankheit plötzlich auf Unterstützung, Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung angewiesen ist.
Natürlich funktioniert nicht alles. Natürlich muss vieles verbessert werden. Und selbstverständlich darf man Regierungen kritisieren, auch laut und deutlich.
Aber zwischen berechtigter Kritik und der Verachtung unserer Demokratie liegt ein gewaltiger Unterschied.
Mein Vater, Willy Brandt und die politische DNA
Mein Vater gehörte zu jener Generation, die nach dem Krieg dieses Land wieder aufgebaut und seine demokratische Entwicklung mitgetragen hat.
Er wurde politisch von Willy Brandt geprägt. Von der Idee, dass Politik nicht nur den Mächtigen dienen darf, sondern gerade auch den Menschen, die jeden Morgen aufstehen, arbeiten, Familien versorgen und sich ein gutes Leben erhoffen.
Von meinem Vater habe ich viel mitbekommen.
Soziales Denken. Praktisches Handeln. Nicht lange herumreden, sondern selbst anpacken.
Und vor allem die Überzeugung, dass man Verantwortung nicht einfach an andere abschieben darf.
Ich nenne das meine politische DNA.
Wobei ich gestehen muss: Die Gene fürs Meckern könnten ebenfalls von meinem Vater stammen. Wissenschaftlich ist das allerdings noch nicht abschließend geklärt.
Schon als junger Kerl war mir der Umweltschutz wichtig. Das ist bis heute so geblieben.
Für mich gehören soziale Gerechtigkeit, Demokratie und der Schutz unserer Lebensgrundlagen zusammen.
Was nützt uns schließlich ein sozial gerechtes Land, wenn wir unseren Kindern und Enkeln einen kaputten Planeten hinterlassen?
Zurück zu meiner persönlichen Großbaustelle
Jetzt bin ich tatsächlich von meinen Nervenschmerzen über Yasmin und Willy Brandt bis zum Klimaschutz gekommen.
Ein echter Allround-Beitrag!
Aber so ist das Leben. Es hält sich schließlich auch nicht an eine ordentliche Tagesordnung.
Zurück zu meinem Körper.
Seit meinem Schlaganfall hat sich vieles verändert. Schmerzen, Einschränkungen, Erschöpfung und die Erkenntnis, dass manche Dinge nicht mehr so funktionieren wie früher.
Und glauben soll bitte niemand, dass ich damit immer gelassen umgehen konnte.
Es gab Zeiten voller Wut, Traurigkeit, Enttäuschung und Verzweiflung.
Warum ich? Warum gerade jetzt? Warum funktioniert das nicht mehr?
Und manchmal wollte ich meinen Körper am liebsten beim Hersteller reklamieren.
Leider war die Garantie längst abgelaufen. Und Ersatzteile sind bei meinem Baujahr offenbar schwer zu bekommen.
Zehn Jahre Arbeit an mir selbst
Ich habe viele Rehakliniken kennengelernt. Ich habe Therapien gemacht und über zehn Jahre neuropsychologische Begleitung und Therapie erlebt.
Das war kein Spaziergang.
Ich hatte das große Glück, eine Therapeutin zu finden, mit der ich wirklich arbeiten konnte.
Und ich meine bewusst: mit der ich arbeiten konnte.
Denn eine gute Therapie ist keine Werkstatt, in der man seinen Kopf abgibt und ihn nach einer Stunde frisch repariert wieder abholt.
Man muss selbst mitarbeiten.
Man muss bereit sein, sich mit seinen Ängsten, Schwächen, Fehlern und Grenzen auseinanderzusetzen.
Das braucht Mut.
Es braucht Vernunft.
Und vor allem braucht es Kritikfähigkeit.
Auch die Fähigkeit, sich selbst einmal zu sagen: Vielleicht liege ich gerade falsch. Vielleicht muss ich etwas anders betrachten. Vielleicht muss ich lernen, mit Dingen zu leben, die ich nicht verändern kann.
Das klingt einfacher, als es ist.
Ich musste lernen, dass Akzeptanz nicht bedeutet, aufzugeben.
Dass man nicht jeden Kampf gewinnen kann.
Und dass ein Mensch nicht weniger wert ist, nur weil sein Körper nicht mehr alles mitmacht.
Ich habe meinen Frieden nicht geschenkt bekommen
Heute habe ich eine Art gefunden, mit meinen gesundheitlichen Baustellen zu leben.
Nicht immer. Nicht jeden Tag. Und ganz bestimmt nicht jede Nacht.
Es gibt weiterhin Tage, an denen die Schmerzen stärker sind als mein Optimismus.
Aber ich habe gelernt, ihnen nicht auch noch mein ganzes Leben zu überlassen.
Das war ein langer Weg, mit Rückschlägen, Tränen und manchmal auch ordentlich Selbstmitleid.
Und ja, Selbstmitleid darf gelegentlich sein. Es sollte nur nicht dauerhaft die Geschäftsführung übernehmen.
Ich bin dankbar für die Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Für die Fachleute in den Rehakliniken, für meine Therapeutin, für meine Familie und ganz besonders für Yasmin.
Und ein kleines bisschen bin ich inzwischen sogar stolz auf mich selbst.
Nicht, weil ich alles geschafft hätte.
Sondern weil ich immer wieder versucht habe, weiterzumachen.
Mein Glaube braucht keinen Heiligenschein
Ich bin Christ. Aber ganz bestimmt keiner mit einem Heiligenschein.
Eher einer mit Ecken, Kanten, gelegentlich schlechter Laune und einer ziemlich großen Klappe.
Mein Glaube bedeutet für mich nicht, dass Gott mir jeden Schmerz abnimmt.
Und ich glaube auch nicht, dass man Krankheit einfach als göttliche Prüfung schönreden sollte.
Mein Glaube gibt mir vielmehr Hoffnung, Orientierung und das Gefühl, dass mein Leben trotz aller Einschränkungen einen Sinn hat.
Er erinnert mich daran, dankbar zu sein, solidarisch zu handeln und andere Menschen nicht nach ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen.
Denn Menschlichkeit beginnt dort, wo wir einander nicht nur danach bewerten, was jemand noch leisten kann.
Und morgen früh?
Vielleicht stehe ich morgen wieder auf und fühle mich wie ein alter Traktor, der bei minus zehn Grad gestartet werden soll.
Vielleicht schmerzen die Nerven wieder.
Vielleicht meckere ich schon vor dem Frühstück.
Aber dann sehe ich Yasmin, denke an meinen Vater, an die Menschen, die mir geholfen haben, und an all das, was ich trotz meiner Einschränkungen noch erleben darf.
Und dann sage ich dem lieben Gott wieder Danke.
Nicht für die Schmerzen.
Sondern für das Leben.
Denn mein Körper mag eine Dauerbaustelle sein. Aber mein Herz schlägt noch, mein Kopf denkt noch, meine Stimme ist noch da und mein Humor hat glücklicherweise keinen Pflegegrad beantragt.
Und solange das so ist, werde ich weiterleben, weiterlieben, weiterdenken, gelegentlich meckern und mich für eine menschlichere, sozialere und demokratische Welt einsetzen.
Vielleicht etwas langsamer als früher.
Aber ganz bestimmt nicht leiser.
Udo Rauhut – udotopia
P.S.: Sollte jemand zufällig eine Gebrauchsanweisung für meinen Körper finden, bitte bei mir melden. Besonders interessant wäre das Kapitel „Nervensystem nachts ausschalten“.










