Kategorie: Mein Blog

Gedanken, die sich nicht einordnen lassen – persönliche Texte aus dem Leben, spontan, ehrlich und menschlich.

  • Stolpersteine erinnern an Menschen – nicht an Parteipolitik

    Manchmal muss man den Blick senken, um zu verstehen, worum es wirklich geht. Ein Name auf einer Messingplatte. Ein Geburtsjahr. Ein Hinweis auf Verfolgung, Deportation und Mord. Stolpersteine holen einzelne Menschen aus der Anonymität der großen Zahlen zurück in unseren Alltag.

    Genau darin liegt für mich ihre Kraft. Sie erinnern daran, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus konkrete Nachbarinnen und Nachbarn betrafen. Menschen mit Wohnungen, Familien, Berufen und Hoffnungen. Es begann nicht erst an fernen Orten. Es begann auch in den Straßen, in denen wir heute unterwegs sind.

    Deshalb macht es mich wütend, wenn das Gedenken vor allem zum Material für parteipolitische Auseinandersetzungen wird. Wer welchen Antrag stellt, kann politisch wichtig sein. Aber hinter jeder Debatte müssen die Menschen sichtbar bleiben, an die erinnert werden soll.

    Ich erwarte dabei gleiche Maßstäbe für alle Parteien. Antisemitismus darf nicht nur dann benannt werden, wenn er dem politischen Gegner vorgeworfen werden kann. Er muss auch im eigenen Umfeld ernst genommen werden. Das gilt ebenso für den Umgang mit unserer Erinnerungskultur.

    Über die konkrete Gestaltung des Gedenkens kann man sprechen. Betroffene Familien, jüdische Gemeinden und lokale Initiativen verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit. Was ich ablehne, ist ein Umgang, bei dem Erinnerung zur Verhandlungsmasse wird und die politische Taktik mehr zählt als die Würde der Opfer.

    Als Christ und als Demokrat empfinde ich darin eine Verantwortung. Gedenken ist keine bequeme Rückschau auf eine abgeschlossene Vergangenheit. Es fragt uns, wie wir heute mit Menschen umgehen, die ausgegrenzt oder bedroht werden.

    Stolpersteine ersetzen keine Bildung und keine politische Haltung. Aber sie können uns unterbrechen. Sie können einen alltäglichen Weg zu einer Frage machen: Wer hat hier gelebt? Was ist diesem Menschen geschehen? Und welche Verantwortung folgt daraus für mich?

    Diese Fragen verdienen Respekt. Sie sind zu wichtig, um sie im nächsten parteipolitischen Schlagabtausch zu verlieren.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Zurück zu den Wurzeln – eine politische Hoffnung vom Juni 2025

    Im Juni 2025 verband ich mit der Rückkehr zur Linken eine Hoffnung: wieder stärker bei den Themen anzukommen, die mich mein Leben lang geprägt haben. Arbeitnehmerrechte, bezahlbare Wohnungen, gute Pflege, verlässliche Renten und eine Gesellschaft, die niemanden zurücklässt.

    Wenn ich heute auf diese Entscheidung zurückblicke, möchte ich sie weder verschweigen noch nachträglich zu etwas anderem erklären. Politische Hoffnung ist ein Teil der eigenen Biografie. Manchmal erfüllt sie sich. Manchmal merkt man später, dass die gemeinsame Richtung doch nicht trägt.

    Meine Wurzeln liegen in der grünen Bewegung, in Gewerkschaftsarbeit und in einem sozialen Verständnis von Demokratie. Dazu kommt mein christlicher Glaube. Für mich gehören die Würde jedes Menschen, Solidarität und die Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen zusammen.

    Diese Werte sind für mich wichtiger als ein Parteibuch. Eine Partei kann ein Ort sein, an dem man sich gemeinsam für sie einsetzt. Aber sie besitzt sie nicht. Und sie darf nicht erwarten, dass ihre Mitglieder eigene Zweifel nur deshalb herunterschlucken, weil es der Geschlossenheit dient.

    Der damalige Wunsch nach einer Rückkehr hatte viel mit dem Bedürfnis nach politischer Heimat zu tun. Ich wollte soziale Fragen wieder im Mittelpunkt sehen und mich dort engagieren, wo ich einen Beitrag leisten konnte. Dass ich diese Hoffnung hatte, gehört zu meinem Weg.

    Inzwischen haben mich Auseinandersetzungen und Enttäuschungen weitergeführt. Auch das gehört zur Ehrlichkeit. Ich möchte aus einem historischen Text kein aktuelles Bekenntnis machen, das meiner heutigen Haltung nicht entspricht.

    Vielleicht lernt man mit den Jahren, politische Heimat anders zu verstehen: weniger als dauerhaften Platz in einer Organisation und mehr als eine Verbindung zu den eigenen Maßstäben. Für soziale Gerechtigkeit, Demokratie, ökologische Vernunft und Menschenwürde kann ich auch dann eintreten, wenn kein Parteilogo danebensteht.

    Mein Leben ist kein Parteibuch. Es besteht aus Erfahrungen, Hoffnungen und der Bereitschaft, die eigene Richtung zu überprüfen. Genau deshalb lohnt sich der Blick zurück.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Wenn Politik zur persönlichen Bühne wird – mein Blick auf Sahra Wagenknecht

    Es gibt politische Persönlichkeiten, an denen sich eine ganze Debatte festzubeißen scheint. Irgendwann drehen sich die Gespräche kaum noch um die Lebensbedingungen der Menschen. Stattdessen geht es um Auftritte, Machtfragen, Lager und die Wirkung einer einzelnen Person. Bei Sahra Wagenknecht beschäftigt mich dieser Eindruck schon lange.

    Meine Kritik entsteht nicht daraus, dass ich jede ihrer früheren Positionen abgelehnt hätte. Politische Lebenswege verändern sich, auch meiner. Aber gerade deshalb frage ich nach dem Maßstab: Hilft eine Position den Menschen, deren Interessen sie zu vertreten behauptet? Oder dient die soziale Frage am Ende vor allem als Bühne für den nächsten Auftritt?

    Ich habe viele Jahre politische und gewerkschaftliche Arbeit erlebt. Ich kenne den Unterschied zwischen einer zugespitzten Rede und der geduldigen Arbeit an einer Lösung. Wer Beschäftigte unterstützen, Pflege verbessern oder bezahlbaren Wohnraum sichern will, braucht beides: eine verständliche Sprache und den Willen, Verantwortung zu übernehmen.

    Besonders schwer fällt mir, wenn gesellschaftliche Konflikte so erzählt werden, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Eine soziale Politik darf Solidarität nicht davon abhängig machen, wo jemand geboren wurde. Die Frage muss sein, wie wir faire Bedingungen für alle schaffen.

    Auch mein Blick auf die Ukraine ist deutlich. Ich möchte den Menschen zuhören, die ihre Freiheit und ihr Zuhause verteidigen. Ein Frieden, der über ihre Köpfe hinweg verhandelt wird und ihnen die Entscheidung über ihre Zukunft nimmt, überzeugt mich nicht.

    Für mich folgt daraus keine Pflicht, einer anderen Partei unkritisch zu vertrauen. Ich habe meine Enttäuschungen erlebt und meine Konsequenzen gezogen. Gerade deshalb möchte ich politische Personen an ihren Argumenten und Handlungen messen, nicht an der Größe ihrer Anhängerschaft.

    Die soziale Frage ist zu wichtig, um sie auf einen Personenkult zu reduzieren. Menschen brauchen Lösungen für ihren Alltag. Eine gute Schlagzeile ersetzt keine gute Politik.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Ein demokratischer Neustart für Deutschland

    Wenn ich von einem demokratischen Neustart spreche, meine ich keinen neuen Werbespruch. Ich meine einen Staat, den die Menschen in ihrem Alltag wieder als verlässlich erleben. Einen Staat, der verständlich entscheidet, Probleme löst und Verantwortung nicht zwischen immer neuen Zuständigkeiten verschwinden lässt.

    Als Bürger begegnet man politischen Versprechen oft mit einer Mischung aus Hoffnung und Müdigkeit. Wieder eine Reform, wieder eine neue Strategie, wieder ein digitales Formular. Doch was verbessert sich wirklich, wenn jemand auf einen Termin wartet, bezahlbaren Wohnraum sucht oder Unterstützung für einen pflegebedürftigen Angehörigen braucht?

    Für mich beginnt eine ernsthafte Reform damit, die öffentlichen Aufgaben vom Menschen her zu denken. Behörden müssen zusammenarbeiten können. Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. Kommunen brauchen die finanziellen Mittel und das Personal, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Digitalisierung soll helfen und darf niemanden zurücklassen, der Unterstützung braucht.

    Dazu gehört eine soziale Erneuerung. Eine solidarische Bürgerversicherung und eine Pflegevollversicherung sind für mich wichtige Ziele. Krankheit oder Pflegebedürftigkeit dürfen Menschen nicht das Gefühl geben, nach einem langen Arbeitsleben nur noch ein Kostenfaktor zu sein.

    Bezahlbare Wohnungen, gute Schulen, eine verlässliche Infrastruktur und sozial gerechter Klimaschutz gehören ebenfalls dazu. Diese Aufgaben kosten Geld. Deshalb sollten wir offen darüber reden, wer welchen Beitrag leisten kann und welche Prioritäten wir als Gesellschaft setzen.

    Demokratie lebt aber nicht nur von Leistungen. Sie lebt auch davon, dass Menschen gehört werden und Einfluss nehmen können. Beteiligung muss früher beginnen als kurz vor einer fertigen Entscheidung. Wer immer nur informiert wird, erlebt noch keine Mitgestaltung.

    Ich erwarte von den demokratischen Parteien, dass sie dabei ihre Unterschiede nicht verstecken, sich aber ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst sind. Die AfD zu kopieren, bietet keine Perspektive. Überzeugend wird Demokratie durch Freiheit, soziale Sicherheit und praktische Problemlösung.

    Ein Neustart fällt nicht vom Himmel. Er braucht politische Entscheidungen und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Ich wünsche mir weniger Erneuerungsrhetorik und mehr Mut, das Leben der Menschen tatsächlich besser zu machen.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Glaube und Evolution: Warum beides für mich zusammenpasst

    Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Christen, der die Entstehung unserer Welt ganz anders versteht als ich. Für ihn war offenbar klar: Die biblische Schöpfungserzählung müsse auch als genaue Beschreibung naturwissenschaftlicher Abläufe gelesen werden. Mich hat dieses Gespräch nachdenklich gemacht.

    Ich bin Christ. Gleichzeitig sehe ich keinen Grund, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft zu leugnen. Unsere Erde ist rund viereinhalb Milliarden Jahre alt. Das Leben hat sich über gewaltige Zeiträume entwickelt. Die Evolution nimmt meinem Glauben nichts weg.

    Für mich erzählt die Bibel vor allem davon, wie Menschen ihre Beziehung zu Gott, zueinander und zur Welt verstehen. Sie fragt nach Verantwortung, Hoffnung, Schuld, Liebe und Sinn. Ich lese sie deshalb nicht wie ein Laborprotokoll und auch nicht wie eine geologische Zeittafel.

    Die Schöpfungserzählung muss für mich keinen Wettbewerb mit der Naturwissenschaft gewinnen. Wenn von sechs Tagen die Rede ist, verstehe ich das nicht zwingend als sechs Abschnitte zu je vierundzwanzig Stunden. Ich sehe darin einen religiösen Text mit einer Botschaft: Die Welt ist uns anvertraut. Das Leben besitzt Würde. Und auch der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge.

    Naturwissenschaft untersucht, wie unsere Welt entstanden ist und welche Prozesse in ihr wirken. Mein Glaube beschäftigt sich mit der Frage, wie ich in dieser Welt leben möchte und worauf ich hoffen darf. Diese Fragen lassen sich miteinander ins Gespräch bringen, ohne die jeweiligen Grenzen zu verwischen.

    Natürlich beantwortet der Hinweis auf Gott keine offene wissenschaftliche Frage. Und aus einer naturwissenschaftlichen Erklärung folgt für mich umgekehrt nicht, dass Liebe, Verantwortung oder Hoffnung bedeutungslos wären. Ich möchte weder Gott als Lückenfüller benutzen noch meinen Glauben gegen überprüfbares Wissen abschirmen.

    Vielleicht gehört gerade das zum Vertrauen: die Freiheit, Fragen zuzulassen. Die Welt wird für mich nicht weniger erstaunlich, wenn ich ihre Zusammenhänge besser verstehe. Eher im Gegenteil.

    Glaube, der nur durch die Ablehnung von Wissen bestehen kann, wäre mir zu eng. Ich möchte einen Glauben leben, der neugierig bleibt und mich zu einem verantwortlichen Umgang mit Menschen und Natur bewegt. Für mich passen Christsein und Evolution deshalb gut zusammen.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Was ist nur los mit dieser Welt? Wenn Politik nur noch brüllt

    Was ist nur los mit dieser Welt? Manchmal habe ich den Eindruck, die politische Auseinandersetzung sei zu einem Wettbewerb geworden: Wer kann lauter brüllen, härter zuspitzen und den nächsten Gegner noch ein bisschen verächtlicher machen?

    Die Verrohung der Sprache beschäftigt mich schon lange. Besonders erschreckend finde ich, wenn inzwischen auch Menschen und Parteien diesen Ton übernehmen, von denen ich mir eigentlich eine andere politische Kultur erhofft hatte. Eine soziale Haltung zeigt sich für mich auch darin, wie man miteinander spricht.

    Natürlich darf Politik leidenschaftlich sein. Ich will keine Debatten, in denen alle brav lächeln und niemand mehr widerspricht. Ich habe selbst oft gestritten, als Betriebsrat, als Gewerkschafter und als politisch engagierter Mensch. Aber zwischen einer klaren Auseinandersetzung und einer persönlichen Herabsetzung liegt ein Unterschied.

    Wenn aus komplexen Fragen nur noch griffige Parolen werden, geht etwas verloren. Beim Wohnungsbau reicht es nicht, pauschal alle Investoren zum Gegner zu erklären. Wir müssen unterscheiden: Wer übernimmt soziale und ökologische Verantwortung? Wer baut bezahlbar und langfristig? Und wo braucht es klare öffentliche Regeln, damit aus Wohnraum kein bloßes Spekulationsobjekt wird?

    Auch eine staatliche Lösung ist nicht allein deshalb gut, weil sie staatlich ist. Sie muss vernünftig finanziert, demokratisch kontrolliert und praktisch umsetzbar sein. Das gilt für private Modelle ebenso. Menschen brauchen Wohnungen, keine ideologischen Glaubenskriege.

    Dasselbe erwarte ich beim Klimaschutz, in der Sozialpolitik und im Kampf gegen Antisemitismus. Die Aufgaben werden nicht kleiner, wenn wir ihre Zusammenhänge wegbrüllen. Und demokratischer Streit wird nicht besser, wenn der politische Gegner nur noch als schlechter Mensch vorkommt.

    Vielleicht bin ich inzwischen empfindlicher geworden. Vielleicht weiß ich nach Krankheit und manchen Rückschlägen einfach genauer, wie kostbar unsere begrenzte Kraft ist. Ich möchte sie jedenfalls nicht in einer Welt verlieren, in der Lautstärke mehr zählt als Inhalt.

    Klare Worte? Unbedingt. Eine klare Haltung gegen Rechts? Für mich selbstverständlich. Aber bitte mit Argumenten, Respekt und dem Willen, tatsächlich etwas zu verbessern. Unsere Demokratie braucht keine Sieger im Dauerpöbeln. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Berlin: Wenn Ideologie wichtiger wird als soziale Gerechtigkeit

    Berlin könnte zeigen, dass soziale Gerechtigkeit und ökologische Vernunft zusammengehören. Bezahlbare Wohnungen, gute Schulen, eine verlässliche Verwaltung und ein Alltag, der auch für Menschen mit kleinem Einkommen funktioniert: Das wären Aufgaben genug. Umso weniger verstehe ich, wenn sich Parteien lieber in ideologischen Grabenkämpfen verlieren.

    Für mich beginnt eine glaubwürdige soziale Politik mit einem einfachen Maßstab: Die Würde des Menschen gilt für alle. Wer gegen Ausgrenzung kämpft, darf Antisemitismus nicht kleinreden. Dieser Anspruch gilt in jeder Partei und in jedem politischen Lager.

    Kritik an einer israelischen Regierung muss möglich sein. Daraus darf keine Ablehnung jüdischen Lebens und keine Infragestellung des Existenzrechts Israels werden. Ebenso wichtig sind die Rechte und die Sicherheit der palästinensischen Bevölkerung. Ich wünsche mir eine friedliche Zukunft in zwei Staaten. Menschenrechte sind kein Wettbewerb, bei dem man sich nur für eine Seite entscheiden darf.

    In den Debatten um Die Linke, marx21 und politische Verantwortung erwarte ich deshalb klare Antworten. Wer regieren möchte, muss sich an den eigenen Maßstäben messen lassen. Ausflüchte und gegenseitige Beschuldigungen helfen den Menschen nicht, die auf eine bezahlbare Wohnung oder eine bessere Schule warten.

    Meine Haltung zur möglichen Koalition ist deutlich: Solange Antisemitismusfragen und vorgebrachte Vorwürfe nicht nachvollziehbar aufgeklärt sind, plädiere ich gegen eine solche Zusammenarbeit. Die Linke muss sich aus meiner Sicht von marx21 trennen. Ohne glaubwürdige Klärung müssen SPD und Grüne nach einer anderen demokratischen Lösung suchen.

    Mich treibt dabei kein Wunsch nach parteipolitischer Rechthaberei an. Meine Wurzeln sind grün, mein Verständnis von Sozialdemokratie ist ökologisch geprägt, und mein christlicher Glaube erinnert mich an Verantwortung und Nächstenliebe. Daraus entsteht für mich ein Anspruch an Politik: Sie soll das Leben der Menschen verbessern und ihre Freiheit schützen.

    Eine Koalition ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sie soziale Gerechtigkeit mit einer klaren demokratischen und menschenfreundlichen Haltung verbindet. Daran möchte ich sie messen.

    udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Warum ein echter Neuanfang neue Gesichter braucht

    Mein Eindruck nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ist eindeutig: Das größte Problem der etablierten Parteien ist vielleicht längst ihr eigenes Personal.

    Nach jeder verlorenen Wahl stehen dieselben Leute vor den Kameras und verkünden einen Neuanfang. Dieselben Funktionäre wollen plötzlich mutiger werden. Und dieselben Strategen, die bereits vier Wahlen verloren haben, erklären uns, wie sie nun die fünfte gewinnen wollen.

    Ich komme aus der Wirtschaft und war viele Jahre Betriebsrat. In jedem Unternehmen würde man nach solchen Ergebnissen irgendwann die Führung infrage stellen. Im Fußball würde der Trainer ausgewechselt. Nur in der Politik sollen ausgerechnet diejenigen den Neuanfang organisieren, die für den Niedergang mitverantwortlich sind. Wie soll das funktionieren?

    Vielleicht braucht es deshalb nicht schon wieder irgendeinen „Erneuerungsprozess“, neue Arbeitsgruppen und große Worte. Vielleicht braucht es endlich wirklich neue Leute. Menschen mit neuen Ideen, einer verständlichen Sprache und einem ehrlichen Blick auf die Sorgen der Bevölkerung.

    Es braucht Persönlichkeiten, die man nicht seit Jahren vor jeder Kamera sieht und die von vielen Bürgerinnen und Bürgern automatisch mit den endlosen Konflikten um Corona oder Migration verbunden werden. Denn genau diese Politiker werden inzwischen von einem Teil der Bevölkerung nicht mehr als Lösung wahrgenommen, sondern als Teil des Problems.

    Ein Neuanfang funktioniert nicht, wenn nur das Etikett ausgetauscht wird. Wer glaubwürdig etwas verändern will, muss irgendwann auch Platz für neue Menschen machen. Alles andere ist kein Neuanfang, sondern lediglich die nächste Runde im alten Karussell.

    Udotopia

  • Meine Schockstarre hält an – Deutschland braucht einen echten Neustart

    Das gestrige Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt hat mich tief erschüttert. Die AfD kommt auf fast 44 Prozent, während die CDU dramatisch abstürzt. Meine Schockstarre hält noch immer an. Gleichzeitig arbeitet mein Gehirn und arbeitet: Wie können wir verhindern, dass eine gesichert rechtsextreme Partei noch stärker wird und irgendwann tatsächlich unser Land regiert?

    Heute hörte ich Kanzleramtsministerin Nina Warken von der CDU. Sie sprach von einer „Zäsur“, erklärte aber gleichzeitig, die Bundesregierung solle ihren bisherigen Reformkurs fortsetzen. Übersetzt heißt das für mich: Wir haben verstanden, machen aber trotzdem weiter wie bisher.

    Genau diese Haltung macht mich fassungslos. Von Bundeskanzler Friedrich Merz war zunächst kaum etwas zu hören. Dabei betrifft dieses Ergebnis nicht nur Sachsen-Anhalt. Es ist ein Alarmsignal für unsere gesamte Demokratie.

    Mit ein bisschen Bürokratieabbau und einigen neuen digitalen Formularen werden wir diese Krise nicht lösen. Deutschland braucht eine umfassende und demokratische Staatsreform. Dabei geht es nicht darum, unser Grundgesetz infrage zu stellen. Im Gegenteil: Wir müssen unseren Staat modernisieren, damit die Menschen wieder erleben, dass Demokratie funktioniert und das Grundgesetz sie tatsächlich schützt.

    Der Staat muss verständlicher, schneller und näher an den Menschen werden. Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen müssen klar geregelt werden. Entscheidungen dürfen nicht jahrelang zwischen Behörden und politischen Ebenen stecken bleiben. Gesetze müssen verständlicher werden, Verwaltungen müssen miteinander kommunizieren können und die Bürgerinnen und Bürger sollten bei wichtigen Entscheidungen früher und ernsthafter beteiligt werden.

    Aber eine Staatsreform darf nicht bei der Verwaltung aufhören. Sie muss auch eine Sozialstaatsreform sein. Unser Gesundheitssystem gehört vollständig reformiert. Wir brauchen endlich eine Bürgerversicherung, in die alle entsprechend ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit einzahlen – auch Beamte, Selbstständige und gut verdienende Privatversicherte.

    Auch die Pflegeversicherung muss zu einer solidarisch finanzierten Vollversicherung weiterentwickelt werden. Pflegebedürftigkeit darf nicht länger bedeuten, dass Menschen trotz jahrzehntelanger Arbeit ihre Ersparnisse verlieren oder zum Sozialfall werden. Pflege ist keine Ware und kein persönliches Versagen. Sie gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge.

    Dazu kommen bezahlbare Wohnungen, gute Schulen, verlässliche Renten, eine funktionierende Infrastruktur und Kommunen, die finanziell wieder handlungsfähig sind. Wer den Menschen immer nur neue Einschnitte ankündigt und das dann „Reform“ nennt, darf sich über Vertrauensverlust nicht wundern.

    Die CDU darf die AfD nicht kopieren. Wer deren Sprache, Feindbilder oder Politik übernimmt, stärkt am Ende nur das Original. Die demokratischen Parteien müssen den Bürgerinnen und Bürgern zeigen, dass es bessere Alternativen zum rechtsextremen Programm der AfD gibt: soziale Sicherheit, wirtschaftliche Vernunft, einen funktionierenden Staat und eine Politik, die Menschen respektiert, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.

    Auch die SPD wirkt auf mich zunehmend hilflos. Sie muss sich endlich daran erinnern, warum sie einmal gegründet wurde. Eine Sozialdemokratie, die soziale Verschlechterungen mitträgt und anschließend über ihre schlechten Wahlergebnisse klagt, verliert ihre Glaubwürdigkeit.

    Ein „Weiter so“ kann es nach diesem Wahlergebnis nicht geben. Wenn Friedrich Merz und die anderen demokratischen Parteien so weitermachen, droht unsere Demokratie ernsthaft Schaden zu nehmen. Dann reicht es irgendwann nicht mehr, am Wahlabend betroffen in die Kameras zu schauen und zu sagen, man habe verstanden.

    Die Demokratie verteidigt man nicht allein mit Sonntagsreden. Man verteidigt sie, indem man beweist, dass sie das Leben der Menschen verbessern kann. Wir brauchen keine Kopie der AfD. Wir brauchen einen handlungsfähigen, sozialen und demokratischen Staat, der den Menschen wieder Hoffnung gibt.

    Meine Schockstarre hält an. Aber Aufgeben ist für mich keine Möglichkeit.

    Udo Rauhut – Udotopia

  • 18 Uhr – und die Angst um unsere Demokratie

    Ich sitze hier zu Hause im Garten im Liegestuhl und versuche, mich zu entspannen. Eigentlich müsste ich einfach nur die Ruhe genießen. Doch es gelingt mir nicht. Meine Gedanken sind längst bei 18 Uhr, wenn die erste Wahlprognose aus Sachsen-Anhalt kommt.

    Mir schnürt sich der Magen zusammen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass danach vielleicht nichts mehr so sein wird wie vorher. Wird die AfD tatsächlich stärkste Partei? Wie groß wird ihr Vorsprung? Und ist das womöglich der Anfang vom Ende unserer Demokratie, wie wir sie kennen?

    Heute in der Kirche habe ich gebetet. Ich habe darum gebetet, dass es nicht so schlimm kommt, wie viele befürchten. Und ich hoffe inständig, dass Bündnis 90/Die Grünen und die SPD den Einzug in den Landtag schaffen. Jede demokratische Stimme wird gebraucht.

    Aber selbst wenn die AfD keine absolute Mehrheit erreicht, bleiben viele Fragen. Kann eine Minderheitsregierung aus CDU, SPD und Grünen funktionieren, die von der Linken geduldet wird? Die politischen Unterschiede zwischen CDU und Linken sind gewaltig. Eine solche demokratische Allianz wäre vielleicht notwendig, aber sie wäre auch sehr zerbrechlich.

    Was passiert, wenn diese Parteien nur noch miteinander streiten, sich gegenseitig blockieren und am Ende keine gute Politik mehr zustande bringen? Kommt es dann zu Neuwahlen? Und erreicht die AfD beim nächsten Mal womöglich 50 Prozent? Genau diese Fragen kreisen unaufhörlich in meinem Kopf.

    Und dann ist da noch eine weitere Sorge: Wie viele Abgeordnete der CDU könnten irgendwann zur AfD überlaufen? Was passiert, wenn einzelne Mandatsträger nach der Wahl die Seiten wechseln und dadurch plötzlich Mehrheiten entstehen, die die Wählerinnen und Wähler so gar nicht gewählt haben? Ich hoffe sehr, dass die demokratischen Kräfte in der CDU standhaft bleiben und jede Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen – ohne Hintertüren und ohne Ausreden.

    Bundeskanzler Friedrich Merz ist in dieser Lage nun wirklich keine Hilfe. Statt Vertrauen zurückzugewinnen und die demokratische Mitte zusammenzuführen, vertieft er mit seiner Sprache und seinem Kurs aus meiner Sicht immer wieder die Gräben. Wer glaubt, die AfD dadurch klein zu bekommen, dass man ihre Themen und ihren Ton übernimmt, macht sie am Ende nur stärker. Warum sollten Menschen die Kopie wählen, wenn sie auch das rechtsextreme Original bekommen können?

    Eine Zusammenarbeit demokratischer Parteien darf deshalb nicht nur aus Angst vor der AfD entstehen. Sie muss den Menschen zeigen, dass Demokratie handlungsfähig ist. Die Parteien müssen soziale Probleme ernst nehmen, bezahlbares Wohnen ermöglichen, den ländlichen Raum stärken und den Menschen wieder das Gefühl geben, dass Politik für sie da ist. Dabei dürfen sie den Rechtsextremen weder hinterherlaufen noch deren Sprache übernehmen.

    Für mich ist eines klar: Solange ich lebe, werde ich mich Rechtsextremen entgegenstellen – friedlich, gewaltfrei und mit demokratischen Mitteln. Ich werde schreiben, widersprechen und meine Stimme erheben. Ich werde nicht schweigen, nur weil andere lauter drohen.

    Und sollte eines Tages versucht werden, demokratische Initiativen zu verbieten und kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, dann lässt sich meine Haltung trotzdem nicht verbieten. Auch im Verborgenen würde ich für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie eintreten – niemals mit Gewalt, aber mit Mut, Worten und Solidarität.

    Vielleicht ist meine Angst heute Abend unbegründet. Ich wünsche es mir von Herzen. Doch „Nie wieder“ darf keine Sonntagsrede sein. Es ist eine Aufgabe für jeden Tag – gerade dann, wenn unsere Demokratie wirklich in Gefahr gerät.

    Udo Rauhut
    Udotopia

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