Kategorie: Mein Blog

Gedanken, die sich nicht einordnen lassen – persönliche Texte aus dem Leben, spontan, ehrlich und menschlich.

  • 40 Jahre im Ländle – Vom Bremerhavener Punk zum Schwaben mit norddeutschem Herzen

    Heute vor genau 40 Jahren begann für mich ein neues Kapitel. Am 18. Juni 1986, einen Tag nach dem damaligen Feiertag „Tag der Deutschen Einheit“, brachten mich meine Eltern von Bremerhaven ins Schwabenländle.

    Das Transportmittel war ein betagter 1200er Talbot. Vollgepackt bis unters Dach. Klamotten, Bücher, Erinnerungen und wahrscheinlich alles, was meine Eltern für unverzichtbar hielten. Zwischen den Werken von Lenin, Marx und der Bibel saß ich irgendwo dazwischen – 19 Jahre alt, voller Ideen, Träume und einer gehörigen Portion Punkrock im Kopf.

    Als ich in Markgröningen ankam, wohnte ich zunächst im Auszubildendenheim. Dort trafen sich junge Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen, viele Nordlichter wie ich. Menschlich und politisch verstand ich mich besonders gut mit dem Sozialarbeiter des Heims. Er war Trotzkist, wir diskutierten stundenlang über Politik, Gesellschaft und die Zukunft der Welt. Nach einem Jahr zog ich sogar in seine WG.

    Im Azubiheim gab es alles: nette Leute, einige Faschos und viele junge Menschen, die sich wunderten, warum jemand mit so vielen Büchern und so viel politischem Interesse ausgerechnet eine Ausbildung machte, statt zu studieren. Zwischen Marx, Lenin, der Bibel und Punkrock war mein Leben damals ohnehin nicht gerade geradlinig.

    Politisch war ich schon damals klar links und grün eingestellt – eine Haltung, die mich bis heute begleitet. Gleichzeitig war und bin ich Christ. Für mich war das nie ein Widerspruch. Links und grün zu sein und an Jesus Christus zu glauben, passt für mich sehr gut zusammen. Und wenn ich mich zwischen Marx und Jesus entscheiden müsste, dann würde ich ohne Zögern Jesus wählen.

    Eigentlich wollte ich Gärtner werden. Doch das Leben hatte andere Pläne.

    Neben der Ausbildung war auch das Ankommen im Schwabenland eine Herausforderung. Als Norddeutscher musste ich mich erst an vieles gewöhnen: an den Dialekt, die Mentalität und manche Eigenheiten der Menschen. Aus einem einfachen „Moin“ wurde plötzlich ein „Grüß Gott“, Brötchen hießen auf einmal Wecken und manches Gespräch verstand ich anfangs nur zur Hälfte.

    Doch mit der Zeit lernte ich die schwäbische Art schätzen. Die Menschen waren oft zurückhaltend, aber herzlich, wenn man sie näher kennenlernte. So wurde aus dem Nordlicht nach und nach ein Wahl-Schwabe.

    An einem Samstag machte ich eine Wanderung und landete zufällig in Unterriexingen. Dort hatte die Saftfabrik Kumpf Tag der offenen Tür. Als junger Azubi dachte ich natürlich zuerst:

    „Kostenloser Saft und Schnittchen? Da muss ich hin!“

    Also marschierte ich hinein.

    Ich schaute mir den Betrieb an und war sofort begeistert. Die Maschinen, die Produktion, die Atmosphäre – das hatte etwas. Dort traf ich einen jungen Mann aus Hamburg, ebenfalls ein Nordlicht, der bereits im zweiten Lehrjahr war.

    „Wir suchen noch einen neuen Azubi“, sagte er.

    Das hörte sich interessant an.

    Oben im Lager, dort wo das Essen aufgebaut war, sah ich einen seriösen Herrn im schwarzen Anzug. Am Revers trug er ein Kreuz. Ich dachte natürlich sofort:

    „Das wird wohl der Dorfpfarrer sein.“

    Also fragte ich ihn höflich:

    „Entschuldigung, wo finde ich denn den Chef?“

    Er schaute mich an und sagte trocken:

    „Das bin ich. Und was wollen Sie?“

    Ich antwortete ebenso direkt:

    „Ich möchte bei Ihnen eine Ausbildung machen.“

    Er überlegte kurz und sagte:

    „Gut. Montag um acht Uhr. Zwei Wochen Probearbeiten und ein Test.“

    Dann erklärte er mir den Test:

    „Sie sind ein bisschen stabil gebaut. Wir müssen schauen, ob Sie durch die Tanköffnung kommen. Die Tanks müssen schließlich auch gereinigt werden.“

    Also wurde reichlich Vaseline an der Tanköffnung verteilt, und ich durfte beweisen, dass ich hinein- und wieder herauskomme.

    Ich habe den Test bestanden.

    Am Montag begann das Probearbeiten. Aus zwei Wochen wurden drei Jahre Ausbildung und schließlich viele weitere Jahre Berufserfahrung.

    Ich blieb oft länger als die vorgeschriebenen acht Stunden. Nicht weil ich musste, sondern weil ich es gerne tat. Vor allem aber wegen der Menschen.

    Ich hatte fantastische Kolleginnen und Kollegen. Mit Jeanette entwickelte sich eine Freundschaft fürs Leben. Auch wenn wir uns über die Jahre nicht oft gesehen haben, ist diese besondere Verbundenheit bis heute geblieben. Gemeinsam machten wir graue Tage bunt, verwandelten schlechte Laune in Gelächter und fanden selbst dann noch etwas zu lachen, wenn eigentlich nichts zum Lachen da war.

    Und dann war da Günther Kumpf.

    Was damals als zufällige Begegnung bei kostenlosem Apfelsaft begann, wurde zu einer der wichtigsten Beziehungen meines Berufslebens. Günther Kumpf wurde für mich so etwas wie ein schwäbischer Ziehvater.

    Er konnte unbequem sein. Er sagte seine Meinung oft direkt und ohne Umwege. Manchmal tat die Wahrheit weh. Manchmal sogar ziemlich.

    Aber heute, vierzig Jahre später, kann ich sagen:

    Er hatte erstaunlich oft recht.

    Für mich war Günther Kumpf aber noch aus einem weiteren Grund etwas Besonderes. Als Christ fiel mir damals sofort das Kreuz an seinem Revers auf. Sein offenes Bekenntnis zum Glauben beeindruckte mich. Das schuf für mich eine besondere Verbindung und einen gegenseitigen Respekt, der weit über das Berufliche hinausging.

    Wenn ich auf diese vier Jahrzehnte zurückblicke, dann sehe ich weit mehr als nur meinen beruflichen Weg. Ich sehe Freundschaften, politische Diskussionen, Demonstrationen, Konzerte, Niederlagen und Erfolge. Ich sehe die Menschen, die mich begleitet haben. Ich sehe die Höhen und Tiefen eines Lebens, das selten geradlinig verlief.

    Hier im Ländle habe ich gearbeitet, geliebt, gestritten, gelacht und geweint. Hier habe ich meine politischen und beruflichen Erfahrungen gesammelt. Hier habe ich nach einer gescheiterten Ehe auch mein privates Glück gefunden. Mit Yasmin und ihrer Tochter Veronika entstand eine neue Familie, die mein Leben bis heute bereichert.

    Bremerhaven wird immer ein Teil von mir bleiben. Dort liegen meine Wurzeln, meine Kindheit und viele Erinnerungen. Doch im Laufe der Jahre ist etwas passiert, womit ich als 19-Jähriger niemals gerechnet hätte:

    Aus der zweiten Heimat wurde die erste.

    Wenn mich heute jemand fragt, wo ich herkomme, dann antworte ich noch immer stolz:

    „Aus Bremerhaven.“

    Aber wenn mich jemand fragt, wo ich zuhause bin, dann lautet die Antwort längst:

    „Im Ländle.“

    Vielleicht macht Heimat am Ende nicht der Ort aus, an dem man geboren wird, sondern der Ort, an dem das Leben seine Spuren hinterlässt.

    Doch wenn ich auf diese vierzig Jahre zurückblicke, dann gibt es ein Ereignis, das mein Leben stärker verändert hat als alle Umzüge, Berufswechsel oder politischen Diskussionen zusammen:

    Meinen Schlaganfall im Jahr 2016.

    Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. Dinge, über die ich mir früher keine Gedanken gemacht hatte, wurden plötzlich zu Herausforderungen. Bis heute begleiten mich Einschränkungen und teilweise höllische Nervenschmerzen.

    Aber der Schlaganfall war nicht nur ein Schicksalsschlag. Er wurde auch zu einer neuen Weggabelung in meinem Leben.

    Ich musste lernen, vieles loszulassen und manches neu zu entdecken. Ich habe mir mein Leben Stück für Stück zurückerobert. Nicht so wie vorher, sondern auf eine andere Weise. Langsamer vielleicht. Bewusster auf jeden Fall.

    Der Schlaganfall hat mir gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist. Er hat mir aber auch gezeigt, wie viel Kraft in einem Menschen steckt, wenn er nicht aufgibt.

    Seitdem genieße ich die guten Tage viel intensiver. Ein Konzert, ein Spaziergang mit Maggy, ein Gottesdienst, ein Sonnenuntergang im Remstal oder einfach ein gemeinsamer Kaffee auf der Terrasse – all das sind für mich kleine Geschenke des Lebens.

    Denn ich weiß heute, wie schnell sich alles ändern kann.

    Vor allem aber hat mir das Leben etwas geschenkt, wofür ich jeden Tag dankbar bin:

    Yasmin.

    Nach manchen Umwegen und einer gescheiterten Ehe ist sie die Liebe meines Lebens geworden. Gemeinsam mit ihr habe ich erfahren, dass Liebe, Vertrauen und Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten tragen können. Sie hat mich in guten und schlechten Tagen begleitet und ist bis heute der wichtigste Mensch an meiner Seite.

    Besonders stolz bin ich auf ihren Weg in der Kirche. Mit viel Herzblut engagiert sie sich als Prädikantin und hat sich darüber hinaus entschieden, eine Ausbildung zur Diakonin zu machen. Nicht, weil sie es beruflich müsste oder weil es ihrer Karriere dient, sondern weil sie darin eine echte Berufung sieht.

    Gerade das beeindruckt mich. In einer Zeit, in der vieles oft wie ein Beruf oder eine Funktion wirkt, spüre ich bei ihr eine tiefe innere Überzeugung und den Wunsch, für Menschen da zu sein, ihnen zuzuhören, sie zu begleiten und christliche Werte mit Leben zu füllen.

    Vielleicht bin ich deshalb so stolz auf sie. Weil ich sehe, dass ihr Glaube nicht nur aus Worten besteht, sondern aus gelebter Nächstenliebe.

    Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann weiß ich:

    Viele Wege bin ich allein gegangen. Aber die wichtigsten Jahre meines Lebens gehe ich gemeinsam mit Yasmin. Dafür bin ich unendlich dankbar.

    Wenn ich also nach vierzig Jahren im Ländle Bilanz ziehe, dann denke ich nicht an Karrieren, Ämter oder Titel.

    Ich denke an Menschen.

    An Freundschaften.

    An Familie.

    An Liebe.

    Und an die Erkenntnis, dass das Leben kostbar ist.

    Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich in diesen vierzig Jahren gelernt habe:

    Das Leben wird nicht dadurch reich, dass alles perfekt läuft. Es wird reich durch die Menschen, die uns begleiten, durch die Erfahrungen, die uns prägen, und durch den Mut, nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen.

    Und genau deshalb genieße ich heute jeden guten Tag ein bisschen bewusster als früher.

    Nicht trotz meines Schlaganfalls.

    Sondern auch wegen der Dinge, die er mich gelehrt hat.

    Wenn ich heute auf den jungen Mann zurückblicke, der zwischen Marx, Lenin, der Bibel und einem Berg Klamotten in einem überladenen Talbot nach Süddeutschland fuhr, dann muss ich schmunzeln.

    Vieles hätte ich mir damals nicht vorstellen können.

    Aber eines ist sicher:

    Ich würde diesen Weg genauso wieder gehen.

    Das Leben hat mir nicht alles gegeben, was ich mir gewünscht habe. Aber es hat mir weit mehr gegeben, als ich als 19-jähriger Bremerhavener im vollgepackten Talbot jemals erwarten konnte.

    Und dafür bin ich dankbar.

    Vielleicht war die Reise ins Ländle damals nur als Ausbildung gedacht.

    Geworden ist daraus mein Leben.

    Danke, Ländle. Für 40 bewegte Jahre.

  • Eine Begegnung, die mich nicht mehr loslässt – eine ukrainische Krankenschwester erzählt

    Manchmal sind es die Begegnungen, die nur wenige Minuten dauern und einen trotzdem tagelang beschäftigen.Gestern war ich in der Radiologie. Eine CT-Untersuchung meines Darms stand an. Nichts Besonderes eigentlich. Krankenhausalltag eben. Doch dann begegnete ich einer Krankenschwester, deren Geschichte mich tief berührt hat.Sie bereitete gerade die Untersuchung vor und legte mir den Zugang für das Kontrastmittel. Ich sagte zu ihr: „Das machen Sie wirklich gut.“Sie lächelte und antwortete: „Wir in der Ukraine haben auch etwas gelernt. Aber diese Arbeit wollen die Deutschen ja nicht mehr machen.“Ich musste erst einmal schlucken. Und ehrlich gesagt konnte ich ihr nicht widersprechen.Wir kamen ins Gespräch.Sie erzählte mir, dass sie in Deutschland arbeitet, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Vier Monate ist sie hier, die übrige Zeit arbeitet sie in der Ukraine. In einem Lazarett nahe der Front. Fast ohne Bezahlung.Dann erzählte sie von ihrem Mann.Er ist im Krieg gefallen.Ich war für einen Moment sprachlos. Mehr als mein aufrichtiges Beileid konnte ich kaum ausdrücken.Doch sie sagte mit einer bemerkenswerten Entschlossenheit: „Er hat unser Land verteidigt. Das ist gut.“Sie sprach auch über ihre Angst. Die Angst vor den russischen Soldaten, vor der Zerstörung ihres Hauses, vor dem Verlust ihrer Heimat.Und vor allem davor, dass Russland den Menschen ihre Kultur und ihre mühsam erkämpfte Freiheit wieder nehmen könnte.Was bedeutet Freiheit eigentlich?Während ich dort auf meine Untersuchung wartete, wurde mir wieder einmal bewusst, wie selbstverständlich wir in Deutschland vieles nehmen.Wir diskutieren über Politik, streiten über Parteien und beklagen uns über unseren Alltag.Diese Frau dagegen lebt zwischen zwei Welten.Hier arbeitet sie, um ihre Familie zu ernähren. In ihrer Heimat versorgt sie Verwundete in einem Krieg, der ihr bereits den Ehemann genommen hat.Und trotzdem gibt sie nicht auf.Mich hat diese Begegnung auch deshalb so bewegt, weil ich immer wieder Menschen höre, die behaupten, die Ukraine solle doch einfach aufgeben, Gebiete abtreten und endlich Frieden schließen.Aber was bedeutet ein solcher Frieden für Menschen wie diese Krankenschwester?Frieden ohne Freiheit? Frieden unter der Herrschaft eines Staates, vor dem sie Angst hat?Wer sind wir eigentlich, dass wir diesen Menschen erklären wollen, wie viel Freiheit sie aufgeben sollen?Solidarität darf nicht bei schönen Worten enden.Ich bin überzeugt: Die Ukraine braucht weiterhin unsere Unterstützung. Humanitär, politisch und auch bei ihrer Verteidigung.Denn hinter jeder Nachricht über diesen Krieg stehen Menschen. Menschen mit Familien, Hoffnungen, Ängsten und Träumen.Menschen wie diese Krankenschwester.Als ich die Radiologie verließ, nahm ich mehr mit als nur eine medizinische Untersuchung.Ich nahm eine Geschichte mit, die mich noch lange beschäftigen wird.Und vielleicht sollten wir alle manchmal etwas weniger laut über die Ukraine reden und dafür den Menschen aus der Ukraine genauer zuhören.Denn Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Für manche Menschen kostet sie alles.udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Udotopia meldet sich zurück – das Leben hatte andere Pläne

    Udotopia meldet sich zurück – das Leben hatte andere Pläne

    Sechs Monate Funkstille. Kein neuer Beitrag, kein Lebenszeichen von Udotopia.
    Aber keine Sorge – ich war nicht weg. Das Leben war nur lauter als die Tastatur.

    Yasmin und ich hatten die letzten Monate alle Hände voll zu tun: Handwerker koordinieren, Material besorgen, Entscheidungen treffen, improvisieren, weiteratmen.
    Unser neues Zuhause – das Haus, das wir von Yasmins Vater geerbt haben – war eine Großbaustelle mit Geschichte und Herz. Wir haben ihm versprochen, sein selbst gebautes Haus zu hüten und darin weiterzuleben. Dieses Versprechen haben wir ernst genommen.

    Doch wie so oft kam das Leben mit einer zusätzlichen Schleife um die Ecke:
    Ich landete im Krankenhaus. Die Galle musste raus. Eigentlich ein Routineeingriff – eigentlich.
    Doch danach lief alles schief, was schieflaufen konnte. Die OP-Narben entzündeten sich, ich bekam hohes Fieber und stand kurz vor einer Sepsis. Die Wunden mussten wieder geöffnet und täglich gespült werden.

    Kein Wellnessprogramm.
    Aber eine sehr direkte Erinnerung daran, wie schnell sich alles ändern kann – und wie wichtig Geduld, Vertrauen und Menschen an der eigenen Seite sind.

    Kaum wieder draußen, ging es ohne echte Pause weiter: Umzug.
    Vom Krankenhaus direkt ins neue Haus, das gerade so weit fertig war, dass man irgendwie einziehen konnte.
    Dach, Keller, Garten – alles wurde angepackt. Was finanziell machbar war, wurde renoviert, repariert oder neu gestaltet. (Bilder reiche ich nach – versprochen.)

    Im Juli folgte das große Kisten-Ballett:
    vom alten ins neue Zuhause, von der Bühne bis zum Keller. Yasmin war dabei unser Fels – organisatorisch, menschlich, emotional.
    Getragen hat uns unser Motto:

    „Heute ist Gestern voll – mit 200 Prozent!“

    Unser Wunsch war klar: bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen in Pflege- und Sozialberufen zu schaffen.
    Im August wurde daraus Realität. Die Diakonie Stetten mietete unser altes Haus, und am 1. September zogen die ersten Auszubildenden und Praktikant:innen ein.

    Bis kurz vor dem Einzug wurde gearbeitet.
    Ich habe noch Router eingerichtet, WLAN-Verstärker montiert und Kabel im Gemeinschaftsraum – unserem alten Esszimmer – verlegt.
    Digitales Ankommen gehört heute eben auch zum Zuhause.

    Und ganz ehrlich: In all dem war keine Kraft mehr für Blogbeiträge.
    Durch meine Erkrankungen war ich gezwungen, immer wieder Pausen einzulegen. Diese Pausen waren nicht freiwillig, sondern notwendig. Mein Körper zieht klare Grenzen – und die musste (und muss) ich akzeptieren.
    Dadurch hat vieles länger gedauert, als geplant: Schritt für Schritt statt im Sprint.

    Die wahre Powerfrau in dieser Zeit war Yasmin.
    Während ich pausieren musste, hat sie organisiert, koordiniert, verhandelt, mitgedacht und getragen – ruhig, klar und mit unglaublicher Stärke.
    Ohne großes Aufheben, aber mit ganz viel Herz. Ohne sie wäre vieles so nicht gegangen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

    Zurück zu den Wurzeln – politisch und menschlich

    Diese Monate waren aber nicht nur Baustelle und Krankheit.
    Sie waren auch eine Zeit des inneren Sortierens.

    Nach dem Schnuppern bei der SPD, Gesprächen mit Landtagsabgeordneten und Begegnungen mit Mitgliedern der CDU wurde mir im Juni eines ganz klar:
    Mein Weg führt zurück zu meinen politischen Wurzeln – zurück zur Linken.

    Nicht aus Trotz.
    Sondern aus Überzeugung.

    Soziale Gerechtigkeit, Solidarität und eine klare Haltung gegen Rechts – das ist der Kompass, der mich trägt.
    Und was mich besonders freut: Die Linke im Rems-Murr-Kreis ist jünger, vielfältiger und aktiver geworden.
    Mehr Debatte, mehr Bewegung, mehr Mut. Das tut gut. Und es fühlt sich richtig an.

    Zurück zu den Wurzeln bedeutete für mich aber nicht nur Parteiarbeit.
    Es bedeutete auch, wieder ganz praktisch anzupacken:
    durch meine Mitarbeit beim DGB, insbesondere in der Unterstützung von Menschen im Sozialrecht.

    Dort, wo es konkret wird.
    Wo es um Existenzsicherung, Rechte, Würde und faire Behandlung geht.
    Genau da, wo Politik nicht aus Reden besteht, sondern aus Zuhören, Erklären und Dranbleiben.

    Klare Grenze gegen Ausgrenzung

    Gleichzeitig habe ich gemerkt, wovon ich mich bewusst entferne.
    Von Menschen – auch aus Sozialverbänden –, die Unterschiede zwischen Menschen nach Herkunft machen, mit falschen Zahlen argumentieren und Narrative verbreiten, wie sie von der rechtsextremen AfD genutzt werden.

    Besonders bitter wird es dort, wo solche Erzählungen teilweise von CDU-Mitgliedern übernommen werden – und sich der Frust dann nicht nach oben richtet, sondern gegen die Schwächeren.
    Wenn Hass in WhatsApp-Nachrichten gegossen wird und nach unten tritt, statt Ursachen zu benennen, ist für mich eine klare Grenze erreicht.

    Von solchen Haltungen distanziere ich mich.
    Nicht aus Überheblichkeit, sondern weil Ausgrenzung, Hass und bewusst falsche Vereinfachungen für mich nichts mit sozialem Denken zu tun haben.
    Das ist nicht mein Weg. Dafür fehlt mir – ganz offen gesagt – das richtige geistige Fundament.

    Jetzt, wo sich vieles sortiert hat, kann ich sagen:
    Ich bin wieder da. Udotopia lebt.

    Vielleicht etwas langsamer, vielleicht nachdenklicher – aber mit dem gleichen Herzen wie immer.
    Denn manchmal schreibt das Leben die wildesten Kapitel, bevor man sie erzählen kann.

    Und weil das Leben offenbar noch nicht genug hat, geht es im Januar 2026 direkt weiter:
    mit Klinikaufenthalten und anschließender Reha.
    Auch das wird hier seinen Platz finden – ehrlich, ungeschönt und hoffentlich mit hellen Momenten dazwischen.

    Also: Willkommen zurück auf Udotopia. 💫
    Die Baustelle ist noch nicht ganz fertig – weder im Haus noch im Leben.

    👉 In den kommenden Monaten wird es hier wieder mehr geben: Texte über Alltag und Krankheit, Musik und Mut, über Zusammenhalt, Politik, Glaube, Humor und diese kunterbunte Welt, die trotz allem lebenswert bleibt.

    Schön, dass ihr noch da seid. 🌻

  • Persönliche Erfahrungen im Rems-Murr-Klinikum Winnenden: Ein Blick hinter die Kulissen

    Healthcare worker walking through a hospital corridor
    A healthcare worker walks through a bright, orderly hospital corridor.

    Persönliche Erfahrungen im Rems-Murr-Klinikum Winnenden: Ein Blick hinter die Kulissen

    Momentan befinde ich mich im Rems-Murr-Klinikum Winnenden – jenem Krankenhaus, das in der Vergangenheit bereits öfter in die Kritik geraten ist. Heute möchte ich aber meine persönlichen Eindrücke schildern – aus menschlicher Sicht, nicht aus der Perspektive von Vorurteilen oder schnellen Urteilen.

    Alles begann mit so heftigen Bauchschmerzen, dass ich nicht einmal alleine zum Arzt gehen konnte. Ich rief den Rettungsdienst – und die Sanitäter waren zum Glück sehr schnell zur Stelle. Sie untersuchten mich sorgfältig und beschlossen, mich ins Krankenhaus nach Winnenden zu bringen.

    Dort musste ich mit extrem starken Schmerzen fast drei Stunden warten, bis endlich ein Arzt Zeit für mich hatte. Es war extrem viel los, und das wenige vorhandene Personal musste schwere Entscheidungen treffen: Wer brauchte sofort Hilfe, bei wem ging es um Leben und Tod?

    An dieser Stelle möchte ich klar betonen: Ich gebe weder dem Klinikum noch den Ersthelfern die Schuld dafür, dass ich warten musste. Trotz meiner Verzweiflung und meiner Tränen vor Schmerz – das Personal leistete mehr als 100 Prozent und gab sein Bestes. Schuld ist die Politik und das Gesundheitssystem, das durch jahrelange Sparmaßnahmen das Personal an seine absoluten Grenzen gebracht hat. Die Schließung vieler Notfallpraxen durch den Verband der gesetzlichen Krankenkassen hat die Situation weiter verschärft. Pflegekräfte erfahren von der Politik höchstens feuchte, leere Versprechungen – echte Wertschätzung bleibt aus. Auch die Bezahlung in der Pflege ist nach wie vor ein Skandal. Zusätzlich wird Pflegepersonal aus dem Ausland systematisch ausgebremst, weil ihre Ausbildung hier oft nicht anerkannt wird – eine unglaubliche Arroganz, die völlig ausblendet, dass viele andere Staaten längst an uns vorbeigezogen sind, was medizinische Ausbildung und Qualität angeht.

    Doch nun zu meiner eigenen Behandlung:
    Ein sehr kompetenter Arzt untersuchte mich und fand die Ursache meiner Schmerzen – Gallensteine. Ich musste im Krankenhaus bleiben. Ein Oberarzt bestätigte den Befund mit einem hochmodernen Ultraschallgerät und erklärte mir, dass meine Gallenblase entfernt werden müsse. Allerdings erst, nachdem die Entzündung in meinem Bauchraum zurückgegangen war. Die Entzündung war schlimmer als gedacht, was Blutuntersuchungen bestätigten.
    Angesichts meiner komplizierten Vorgeschichte im Magenbereich war eine Operation nicht ganz einfach. Trotzdem fühlte ich mich von Anfang an gut aufgehoben. Schnell bekam ich Antibiotika-Infusionen und wurde auf die Station 37 verlegt.

    Auf Station 37 begegnete ich einem Team aus sehr liebevollem Pflegepersonal und einer kompetenten, engagierten Stationsleiterin. Die Atmosphäre war familiär, herzlich und gleichzeitig hochprofessionell. Trotz enormer Belastung leistete das gesamte Team herausragende Arbeit – oft bis zum absoluten Anschlag.

    Auch meine weiteren Untersuchungen am nächsten Tag verliefen reibungslos, unterstützt von modernster Technik. Schon bald ließen die Schmerzen nach – ein riesiger Schritt für mich. Allerdings bleibt die Tatsache bestehen: Die Gallenblase muss entfernt werden, und ich werde im Klinikum bleiben, bis mein Entzündungswert wieder im Normalbereich ist.

    Mein persönliches Fazit:
    Mein Aufenthalt hier ist trotz aller Umstände angenehm. Ich habe gelernt: Hinter jeder Pflegekraft, hinter jedem Arzt, steckt in erster Linie ein Mensch, der tagtäglich sein Bestes gibt. Mein höchster Respekt gilt diesem Personal – sie verdienen unsere Anerkennung und unsere Unterstützung.

    Pflege und Sozialpolitik – ein bitteres Gesamtbild:
    Meine Erfahrung zeigt einmal mehr, wie dringend eine radikale Wende in der Pflege- und Gesundheitspolitik notwendig ist. Die Ökonomisierung unserer Krankenhäuser, das jahrelange Kaputtsparen von Pflegepersonal, das Ignorieren internationaler Fachkräfte – all das geht auf das Konto einer Politik, die lieber Zahlen verwaltet als Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

    Meine Sicht:
    Ich teile die Überzeugung, dass Gesundheit ein Menschenrecht ist und kein Geschäftsmodell. Krankenhäuser dürfen nicht länger wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden, Pflegepersonal braucht endlich die Anerkennung, die es verdient – in Form von besseren Arbeitsbedingungen, höheren Löhnen und echtem gesellschaftlichen Respekt.
    Zudem müssen ausländische Fachkräfte unkompliziert integriert werden können, anstatt sie durch bürokratische Hürden zu blockieren.

    Schlusswort:
    Pflege ist keine Ware!

    Update:
    Ich wurde vorläufig entlassen – mein Bauchraum braucht noch Zeit, um sich zu beruhigen, und die Entzündungen müssen vollständig abklingen. Am 14. Mai werde ich wieder ins Krankenhaus Winnenden aufgenommen, wo mir dann die kaputte Gallenblase entfernt wird. Aufgrund meiner Vorerkrankungen im Magen-Darm-Bereich wird das keine einfache Operation.
    Insgesamt war ich aber positiv überrascht von der Klinik – vor allem auf Station 37 fühlte ich mich sehr wohl und gut aufgehoben.
    Ich möchte mich bei den Ärzten und dem Pflegepersonal von Herzen für ihren großen Einsatz bedanken.

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    Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

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  • „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – Ein Satz, der mich wütend macht

    „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – Ein Satz, der mich wütend macht

    Manchmal möchte ich einfach nur in die Luft gehen, wenn ich diesen einen Satz wieder höre: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Fast immer kommt er dann, wenn jemand gerade über Ausländer, Flüchtlinge oder Bürgergeldempfänger herzieht. Dann folgen die altbekannten Relativierungen: „Ich bin ja kein Nazi, aber…“, „Die AfD ist doch demokratisch gewählt…“. Und jedes Mal steigt in mir die Wut. Denn was hier passiert, ist keine freie Meinungsäußerung – es ist Verharmlosung, Hetze und gesellschaftlicher Rückschritt.

    Demokratisch gewählt – undemokratisch in der Haltung

    Natürlich ist die AfD demokratisch gewählt worden – das heißt aber nicht, dass sie damit außerhalb jeder Kritik steht. Auch eine demokratisch gewählte Partei kann extremistische, gefährliche Positionen vertreten. Wer Minderheiten angreift, mit falschen Zahlen Stimmung macht und demokratische Grundwerte aushöhlt, verdient keine Nachsicht, sondern entschiedenen Widerspruch.

    Freiheit der Meinungsäußerung bedeutet nicht, dass jede Meinung akzeptiert werden muss. Sie schützt die Äußerung vor staatlicher Repression – nicht vor gesellschaftlicher Kritik. Wer rassistische, ausgrenzende Dinge sagt, muss mit Widerspruch rechnen. Das ist der Preis der Demokratie: dass wir auch Verantwortung für das übernehmen, was wir sagen.

    Die Doppelmoral in Organisationen, die es besser wissen müssten

    Besonders bitter wird es, wenn Organisationen, die für soziale Gerechtigkeit stehen sollten, in ihren eigenen Reihen rechte Tendenzen dulden. Ich spreche von einem Sozialverband mit drei bekannten Buchstaben. Offiziell wirbt dieser Verband mit Vielfalt, Toleranz und einem klaren Bekenntnis gegen Rassismus. Doch hinter den Kulissen sieht es oft anders aus.

    In Orts- und Kreisverbänden hört man plötzlich Sprüche, die eins zu eins aus dem AfD-Archiv stammen könnten. Es wird gegen Geflüchtete gehetzt, über Migranten gespottet und mit falschen Zahlen Stimmung gemacht. Auf Feiern oder Versammlungen fällt so mancher Satz, der alles andere als menschenfreundlich ist. Und wenn man das anspricht? Dann wird es plötzlich sehr still. Oder laut – gegen einen selbst.

    Der Versuch, Kritik zum Schweigen zu bringen

    Ich habe diese Zustände öffentlich gemacht. Ich habe gesagt, was viele denken, aber nicht aussprechen wollen: Dass es in diesem Verband problematische Haltungen gibt, die mit dem offiziellen Selbstbild nicht vereinbar sind. Dass manche Funktionsträger Dinge sagen, die menschenverachtend sind. Dass weggesehen wird, anstatt einzuschreiten.

    Was dann kam, war leider bezeichnend. Bezirksverbände, die mir im persönlichen Gespräch noch zugestimmt hatten, versuchten plötzlich alles, um eine Veröffentlichung in der Presse zu verhindern. Es wurden juristische Schritte angedroht, ich wurde als Lügner dargestellt, und das Ganze sollte möglichst still begraben werden. Dabei gibt es Beweise. Es gibt Aussagen. Es gibt Menschen, die wissen, dass ich recht habe – und trotzdem schweigen.

    Mein größter Fehler: zu lange geschwiegen zu haben

    Wenn ich einen Vorwurf mir selbst machen muss, dann diesen: Ich habe viel zu lange geschwiegen. Ich habe Dinge beobachtet, bei denen ich früher hätte aufstehen müssen. Ich habe mich verbiegen lassen, weil ich dachte, es sei besser, den inneren Frieden zu wahren. Aber das war falsch. Schweigen hilft immer nur den Falschen.

    Ich will, dass wir endlich hinschauen. Dass wir uns nicht länger hinter Phrasen wie „Wird man ja wohl noch sagen dürfen“ verstecken. Dass Organisationen, die für soziale Werte stehen, diese auch intern leben. Und dass wir den Mut aufbringen, Menschenfeindlichkeit klar zu benennen – egal, wo sie uns begegnet.

    Demokratie lebt vom Streit, von Diskussion, von Haltung. Aber sie stirbt an Gleichgültigkeit, Wegsehen und Doppelmoral. Und deshalb sage ich heute klar: Ich werde nicht mehr schweigen.

  • Ein Jahr ohne Papa

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    Ein Jahr ohne Papa

    Heute, vor genau einem Jahr, bekam ich einen Anruf aus dem Pflegeheim in Schiffdorf – 765 Kilometer von mir entfernt. Es war die Nachricht, vor der man sich im Leben fürchtet: Mein Vater war gestorben.

    Zwei Tage zuvor, am Freitag, hatte er eine Pflegekraft gebeten, mich mit seinem Handy anzurufen. Sie hielt den Hörer an sein Ohr, und er sprach mit leiser, weinerlicher Stimme die letzten Worte, die ich je von ihm hören sollte:
    „Udo, ich gehe jetzt zur Mutti. Tschüss, Junge. Gruß an Yasmin und Veronika.“
    Mehr konnte er nicht sagen – es war sicher schon sehr anstrengend für ihn.

    Diese Worte höre ich fast jede Nacht. Besonders heute, an seinem ersten Todestag, klingen sie besonders laut in meinem Herzen. Leider kann ich heute nicht nach Bremerhaven kommen – ich habe einen wichtigen Termin in der Klinik, und bei uns zu Hause läuft gerade eine Grundrenovierung.

    Aber mein Papa ist in meinem Herzen immer da. Und ich spüre, dass der liebe Gott mir Kraft gibt.

    Ich bin meinem Cousin Ralf und seiner Frau unendlich dankbar, dass sie damals vor Ort waren – und es heute noch sind. Sie haben sich um Papa gekümmert, als ich es nicht konnte. Er hat alles so bekommen, wie er es sich gewünscht hatte:
    Ein Pflegeheim in der Nähe des Ortes, wo er einst meine Mutter heiratete, und eine Beerdigung, wie er sie sich vorgestellt hatte. Das alles hatte er bereits drei Jahre zuvor mit großer Sorgfalt organisiert.

    Dankbar bin ich auch meiner Cousine Sabiene, ihrem Vater Rudi – Papas Bruder – und Tante Ursel Rauhut Sie alle haben Papa auf eine ganz besondere Reise begleitet: nach Polen, nach Iława – dem früheren Deutsch Eylau. Dort hat er mit seinen Geschwistern seine Kindheit verbracht, bis sie im Krieg vertrieben wurden.

    Diese Reise hat ihm unglaublich viel bedeutet. Immer, wenn ich in Bremerhaven war, erzählte er davon – mit leuchtenden Augen und offenem Herzen. Besonders wenn Ralf und Jutta zu Besuch waren, hatte ich das Gefühl, Ralf sei mehr als nur ein Cousin – er war für Papa wie ein zweiter Sohn.

    Zu meinem leiblichen Bruder, der im August 2024 verstorben ist, hatten wir leider keinen Kontakt mehr – ein alter Familienstreit stand zwischen uns. Auch das hat Papas Herz schwer belastet.

    Ich vermisse ihn sehr. Aber ich weiß: Er hatte ein schönes, langes Leben. 93 Jahre alt durfte er werden. Und in Gedanken ist er jeden Tag bei mir.

  • Sozialverbände müssen politisch sein – alles andere wäre Verrat an ihren Werten

    Sozialverbände müssen politisch sein – alles andere wäre Verrat an ihren Werten

    Ein Sozialverband darf nicht nur politisch sein – er muss es sogar. Das liegt schon im Begriff „Verband“. Wer Menschen zusammenbringt, um soziale Anliegen zu vertreten, betreibt automatisch auch Verbandspolitik. Es geht darum, für die Interessen aller Mitglieder einzustehen – unabhängig von Religion, Herkunft oder Hautfarbe.

    Sozialpolitik endet nicht an der Tür der Beratungsstelle. Sie fängt dort erst richtig an. Wenn Sozialkürzungen drohen, wenn Menschen an den Rand gedrängt werden, wenn Menschenwürde und Teilhabe unter Druck geraten, muss ein Sozialverband laut werden. Und zwar unmissverständlich. Wer hier schweigt oder sich „neutral“ gibt, macht sich zum Komplizen einer Politik der sozialen Spaltung.

    Ich meine damit jeden Sozialverband, ganz egal wie groß oder klein. Das ist meine ganz persönliche Erfahrung – und auch meine Empfindung. Es schmerzt zu sehen, wenn ein Verband seine Stimme nicht erhebt oder sich aus Angst vor Kritik zurückhält. Gerade dann, wenn Menschen Hilfe brauchen, muss ein Verband Haltung zeigen. Und zwar öffentlich, politisch und solidarisch.

    Besonders gefährlich wird es, wenn Funktionsträger von Sozialverbänden demokratische Grundwerte untergraben. Wer populistischen Parolen verfällt oder menschenfeindliche Inhalte verbreitet, hat im Ehrenamt eines Sozialverbandes nichts verloren. Das ist nicht nur ein Verstoß gegen die Werte der Solidarität – es bewegt sich gefährlich nahe an der Grenze zur Volksverhetzung.

    Auch sogenannte „private“ oder „nicht-öffentliche“ Chats bieten keinen Freifahrtschein für Hetze. Wer dort falsche Zahlen über Geflüchtete verbreitet oder in einem harmlos wirkenden Urlaubs-Chat abfällige Bemerkungen wie „Die kriegen bei uns alles in den Hintern gesteckt“ macht, missbraucht sein Amt. Solche Aussagen sind nicht nur sozial zynisch – sie sind menschenverachtend und sollten Konsequenzen haben. Menschen, die so handeln, gehören nicht an die Spitze eines Orts- oder Kreisverbands.

    Demokratie lebt vom Respekt – vor Fakten, vor Mitmenschen, vor der Würde des Einzelnen. Wer bewusst falsche Zahlen nutzt, um Stimmung zu machen, verletzt nicht nur Menschenrechte, sondern auch den Auftrag eines jeden Sozialverbands.

    Deshalb: Ja, ein Sozialverband muss politisch sein. Denn wer sich aus der politischen Verantwortung stiehlt, verrät all jene, die er eigentlich schützen will.

  • Kann man an Gott glauben und trotzdem links sein? War Jesus ein Freak – vielleicht sogar ein Sozialist?

    Kann man an Gott glauben und trotzdem links sein?
    War Jesus ein Freak – vielleicht sogar ein Sozialist?

    Diese Fragen lassen mich nicht los. Vielleicht, weil sie etwas berühren, das tief in uns steckt: der Wunsch, zu glauben – und zugleich der Drang, zu hinterfragen. Oft begegnet mir die Vorstellung, man müsse sich entscheiden: entweder man glaubt, oder man denkt kritisch. Entweder man hält sich an die Bibel – oder an gesellschaftliche Veränderung. Als wäre das eine das Gegenteil vom anderen.

    Aber stimmt das?

    Wenn ich auf Jesus schaue, sehe ich keinen frommen Angepassten. Ich sehe jemanden, der aneckt. Der Fragen stellt, wo andere Antworten haben. Der nicht schweigt, wo Unrecht geschieht. Der sich auf die Seite derer stellt, die sonst niemand sieht. Die Armen, die Kranken, die Gescheiterten. Jesus war nicht bequem – er war unbequem. Für die Mächtigen, für die Reichen, für die Selbstgerechten. Er hat das System hinterfragt – und das mit einer radikalen Liebe, die bis heute irritiert.

    War er ein Freak? Vielleicht. Er hat jedenfalls nicht so gelebt, wie man es von einem „Messias“ erwartet hätte. Kein Palast, kein Reichtum, keine Machtspiele. Dafür Geschichten von verlorenen Schafen und vom Teilen von Brot. Vom letzten Platz, der der erste sein soll. Und von einem Reich Gottes, das nicht auf Gewalt oder Ausgrenzung baut, sondern auf Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

    War er ein Sozialist? Das Wort passt historisch nicht. Aber die Idee, dass Besitz verpflichtet, dass Macht Verantwortung bedeutet, dass alle Menschen denselben Wert haben – sie klingt in seinen Worten immer wieder an. Und wer sich heute links nennt, weil er oder sie für eine gerechtere, solidarischere Welt eintritt, der kann in Jesus durchaus einen Verbündeten sehen.

    Glaube und eine linke Haltung schließen sich nicht aus. Im Gegenteil. Glaube kann motivieren, nicht aufzugeben. Nicht gleichgültig zu werden. Hoffnung zu behalten, auch wenn sie verrückt erscheint. Vielleicht war Jesus genau deshalb so radikal – weil er geglaubt hat, dass eine andere Welt möglich ist.

    Und vielleicht ist es das, was uns heute fehlt: dieser Glaube an das Mögliche – gegen alle Widerstände.

  • Vom Träumer zum Realisten? – Wie sich mein Denken verändert hat

    Vom Träumer zum Realisten? – Wie sich mein Denken verändert hat

    Wenn ich auf meine Haltung in den 80er-Jahren zurückblicke, merke ich, wie sehr sich meine Sicht auf die Welt verändert hat. Damals war ich Teil der Friedensbewegung – mit voller Überzeugung. Es ging um das Gleichgewicht der zwei Blöcke: West und Ost. Die Bedrohung war real, aber gleichzeitig abstrakt. Es stand nie zur Debatte, dass ein Land einfach überfallen wird.

    Heute sieht das anders aus. Putins Angriff auf die Ukraine hat mein Denken grundlegend erschüttert. Ich glaube nicht mehr, dass Frieden allein durch Dialog, Appelle oder Blumen möglich ist. Faschisten lassen sich nicht mit pazifistischen Gesten aufhalten.

    Ich sehe diesen Krieg nicht mehr nur geopolitisch – er hat auch meine persönlichen Überzeugungen infrage gestellt. Hätte ich heute denselben Mut zur Kriegsdienstverweigerung wie damals? Ich bezweifle es. Mein Zivildienst war wichtig für mich, er hat mich geprägt. Aber heute denke ich: Wenn wir unsere Demokratie schützen wollen, brauchen wir auch die Bereitschaft, sie zu verteidigen – notfalls mit Waffen.

    Ob das im Rahmen der NATO geschieht oder durch eine europäische Armee, darüber kann man diskutieren. Aber klar ist für mich: Wehrlosigkeit ist keine Option mehr.

    Besonders erschreckend finde ich, wie sich ein Teil der sogenannten Friedensbewegung heute verhält. Viele von ihnen – etwa das BSW oder die AfD – zeigen mehr Sympathie für Putin als für die Opfer seines Krieges. Die AfD, diese Nazi-Partei, die den Nationalsozialismus verharmlost und alles andere ist als friedlich, stellt sich selbst als Verteidigerin des Friedens dar – dabei steht sie für Hass, Ausgrenzung und autoritäres Denken. Sie nennen es „Friedenspolitik“, aber in Wahrheit verteidigen sie autoritäre Regime.

    Wir sehen in Echtzeit, wie schnell ein Land entdemokratisiert werden kann – siehe Trump. Wenn die Demokratie kippt, wird es sehr schwer, noch freiheitlich, links oder sozial zu träumen.

    Glaub mir, es fällt mir nicht leicht, gegen mein altes Denken anzukämpfen. Ich habe viele Jahre geglaubt, dass es ohne Waffen, ohne Armeen geht. Aber ich glaube, es ist richtig, heute anders zu denken. Es ist keine Abkehr von meinen Idealen, sondern ein Versuch, sie an die Realität anzupassen.

    Meine Veränderung ist für mich kein Verrat. Es ist das Ergebnis von Lebenserfahrung. Ich möchte nicht dogmatisch an etwas festhalten, das sich in der Realität nicht bewährt hat. Stattdessen versuche ich, weiterzudenken – auch wenn das bedeutet, alte Überzeugungen loszulassen.

    Und trotzdem schlägt mein Herz links. Ich werde weiter für einen demokratischen Sozialismus eintreten – als Grundgerüst das Grundgesetz, oder, wenn man mutiger denkt, sogar in Richtung eines föderalen Syndikalismus mit dezentralen, selbstbestimmten Strukturen. Eine freie Gesellschaft braucht starke Verteidigung – aber auch eine soziale, gerechte und solidarische Vision für die Zeit nach dem Krieg.

  • Der Tod gehört zum Leben dazu


    Der Tod gehört zum Leben dazu

    Es gibt Tage, da spüre ich mein Alter in jedem Knochen. Die Krankheit ist da, macht sich bemerkbar – mal leise, mal laut. Und manchmal frage ich mich im Stillen: Was hab ich eigentlich verbrochen, dass ich solche Schmerzen ertragen muss?

    Doch ich weiß: Der Tod gehört zum Leben dazu. So sicher wie der erste Atemzug ist auch der letzte Teil unseres Weges. Und ja, früher hatte ich Angst davor – vor dem Sterben, vor dem Ende. Doch diese Angst ist kleiner geworden. Gott hat sie mir genommen. Stattdessen schenkt er mir Vertrauen.

    Es sind im letzten Jahr viele Menschen über den Regenbogen gegangen. Menschen, die mir sehr nah standen. Ihre Stimmen fehlen. Ihre Nähe, ihr Lachen, ihre Umarmungen. Es tut weh. Und doch bin ich dankbar, dass ich sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten durfte.

    Ich lebe. Noch. Und das ist ein Geschenk. Trotz allem, trotz der Beschwerden, trotz der Unsicherheiten. Ich bin froh, noch hier zu sein. Dankbar für das, was war, und für das, was noch kommt – in welcher Form auch immer.

    Das Leben ist nicht immer leicht. Aber es ist kostbar. Und genau dafür sage ich: Danke.


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