40 Jahre im Ländle – Vom Bremerhavener Punk zum Schwaben mit norddeutschem Herzen

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Heute vor genau 40 Jahren begann für mich ein neues Kapitel. Am 18. Juni 1986, einen Tag nach dem damaligen Feiertag „Tag der Deutschen Einheit“, brachten mich meine Eltern von Bremerhaven ins Schwabenländle.

Das Transportmittel war ein betagter 1200er Talbot. Vollgepackt bis unters Dach. Klamotten, Bücher, Erinnerungen und wahrscheinlich alles, was meine Eltern für unverzichtbar hielten. Zwischen den Werken von Lenin, Marx und der Bibel saß ich irgendwo dazwischen – 19 Jahre alt, voller Ideen, Träume und einer gehörigen Portion Punkrock im Kopf.

Als ich in Markgröningen ankam, wohnte ich zunächst im Auszubildendenheim. Dort trafen sich junge Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen, viele Nordlichter wie ich. Menschlich und politisch verstand ich mich besonders gut mit dem Sozialarbeiter des Heims. Er war Trotzkist, wir diskutierten stundenlang über Politik, Gesellschaft und die Zukunft der Welt. Nach einem Jahr zog ich sogar in seine WG.

Im Azubiheim gab es alles: nette Leute, einige Faschos und viele junge Menschen, die sich wunderten, warum jemand mit so vielen Büchern und so viel politischem Interesse ausgerechnet eine Ausbildung machte, statt zu studieren. Zwischen Marx, Lenin, der Bibel und Punkrock war mein Leben damals ohnehin nicht gerade geradlinig.

Politisch war ich schon damals klar links und grün eingestellt – eine Haltung, die mich bis heute begleitet. Gleichzeitig war und bin ich Christ. Für mich war das nie ein Widerspruch. Links und grün zu sein und an Jesus Christus zu glauben, passt für mich sehr gut zusammen. Und wenn ich mich zwischen Marx und Jesus entscheiden müsste, dann würde ich ohne Zögern Jesus wählen.

Eigentlich wollte ich Gärtner werden. Doch das Leben hatte andere Pläne.

Neben der Ausbildung war auch das Ankommen im Schwabenland eine Herausforderung. Als Norddeutscher musste ich mich erst an vieles gewöhnen: an den Dialekt, die Mentalität und manche Eigenheiten der Menschen. Aus einem einfachen „Moin“ wurde plötzlich ein „Grüß Gott“, Brötchen hießen auf einmal Wecken und manches Gespräch verstand ich anfangs nur zur Hälfte.

Doch mit der Zeit lernte ich die schwäbische Art schätzen. Die Menschen waren oft zurückhaltend, aber herzlich, wenn man sie näher kennenlernte. So wurde aus dem Nordlicht nach und nach ein Wahl-Schwabe.

An einem Samstag machte ich eine Wanderung und landete zufällig in Unterriexingen. Dort hatte die Saftfabrik Kumpf Tag der offenen Tür. Als junger Azubi dachte ich natürlich zuerst:

„Kostenloser Saft und Schnittchen? Da muss ich hin!“

Also marschierte ich hinein.

Ich schaute mir den Betrieb an und war sofort begeistert. Die Maschinen, die Produktion, die Atmosphäre – das hatte etwas. Dort traf ich einen jungen Mann aus Hamburg, ebenfalls ein Nordlicht, der bereits im zweiten Lehrjahr war.

„Wir suchen noch einen neuen Azubi“, sagte er.

Das hörte sich interessant an.

Oben im Lager, dort wo das Essen aufgebaut war, sah ich einen seriösen Herrn im schwarzen Anzug. Am Revers trug er ein Kreuz. Ich dachte natürlich sofort:

„Das wird wohl der Dorfpfarrer sein.“

Also fragte ich ihn höflich:

„Entschuldigung, wo finde ich denn den Chef?“

Er schaute mich an und sagte trocken:

„Das bin ich. Und was wollen Sie?“

Ich antwortete ebenso direkt:

„Ich möchte bei Ihnen eine Ausbildung machen.“

Er überlegte kurz und sagte:

„Gut. Montag um acht Uhr. Zwei Wochen Probearbeiten und ein Test.“

Dann erklärte er mir den Test:

„Sie sind ein bisschen stabil gebaut. Wir müssen schauen, ob Sie durch die Tanköffnung kommen. Die Tanks müssen schließlich auch gereinigt werden.“

Also wurde reichlich Vaseline an der Tanköffnung verteilt, und ich durfte beweisen, dass ich hinein- und wieder herauskomme.

Ich habe den Test bestanden.

Am Montag begann das Probearbeiten. Aus zwei Wochen wurden drei Jahre Ausbildung und schließlich viele weitere Jahre Berufserfahrung.

Ich blieb oft länger als die vorgeschriebenen acht Stunden. Nicht weil ich musste, sondern weil ich es gerne tat. Vor allem aber wegen der Menschen.

Ich hatte fantastische Kolleginnen und Kollegen. Mit Jeanette entwickelte sich eine Freundschaft fürs Leben. Auch wenn wir uns über die Jahre nicht oft gesehen haben, ist diese besondere Verbundenheit bis heute geblieben. Gemeinsam machten wir graue Tage bunt, verwandelten schlechte Laune in Gelächter und fanden selbst dann noch etwas zu lachen, wenn eigentlich nichts zum Lachen da war.

Und dann war da Günther Kumpf.

Was damals als zufällige Begegnung bei kostenlosem Apfelsaft begann, wurde zu einer der wichtigsten Beziehungen meines Berufslebens. Günther Kumpf wurde für mich so etwas wie ein schwäbischer Ziehvater.

Er konnte unbequem sein. Er sagte seine Meinung oft direkt und ohne Umwege. Manchmal tat die Wahrheit weh. Manchmal sogar ziemlich.

Aber heute, vierzig Jahre später, kann ich sagen:

Er hatte erstaunlich oft recht.

Für mich war Günther Kumpf aber noch aus einem weiteren Grund etwas Besonderes. Als Christ fiel mir damals sofort das Kreuz an seinem Revers auf. Sein offenes Bekenntnis zum Glauben beeindruckte mich. Das schuf für mich eine besondere Verbindung und einen gegenseitigen Respekt, der weit über das Berufliche hinausging.

Wenn ich auf diese vier Jahrzehnte zurückblicke, dann sehe ich weit mehr als nur meinen beruflichen Weg. Ich sehe Freundschaften, politische Diskussionen, Demonstrationen, Konzerte, Niederlagen und Erfolge. Ich sehe die Menschen, die mich begleitet haben. Ich sehe die Höhen und Tiefen eines Lebens, das selten geradlinig verlief.

Hier im Ländle habe ich gearbeitet, geliebt, gestritten, gelacht und geweint. Hier habe ich meine politischen und beruflichen Erfahrungen gesammelt. Hier habe ich nach einer gescheiterten Ehe auch mein privates Glück gefunden. Mit Yasmin und ihrer Tochter Veronika entstand eine neue Familie, die mein Leben bis heute bereichert.

Bremerhaven wird immer ein Teil von mir bleiben. Dort liegen meine Wurzeln, meine Kindheit und viele Erinnerungen. Doch im Laufe der Jahre ist etwas passiert, womit ich als 19-Jähriger niemals gerechnet hätte:

Aus der zweiten Heimat wurde die erste.

Wenn mich heute jemand fragt, wo ich herkomme, dann antworte ich noch immer stolz:

„Aus Bremerhaven.“

Aber wenn mich jemand fragt, wo ich zuhause bin, dann lautet die Antwort längst:

„Im Ländle.“

Vielleicht macht Heimat am Ende nicht der Ort aus, an dem man geboren wird, sondern der Ort, an dem das Leben seine Spuren hinterlässt.

Doch wenn ich auf diese vierzig Jahre zurückblicke, dann gibt es ein Ereignis, das mein Leben stärker verändert hat als alle Umzüge, Berufswechsel oder politischen Diskussionen zusammen:

Meinen Schlaganfall im Jahr 2016.

Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. Dinge, über die ich mir früher keine Gedanken gemacht hatte, wurden plötzlich zu Herausforderungen. Bis heute begleiten mich Einschränkungen und teilweise höllische Nervenschmerzen.

Aber der Schlaganfall war nicht nur ein Schicksalsschlag. Er wurde auch zu einer neuen Weggabelung in meinem Leben.

Ich musste lernen, vieles loszulassen und manches neu zu entdecken. Ich habe mir mein Leben Stück für Stück zurückerobert. Nicht so wie vorher, sondern auf eine andere Weise. Langsamer vielleicht. Bewusster auf jeden Fall.

Der Schlaganfall hat mir gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist. Er hat mir aber auch gezeigt, wie viel Kraft in einem Menschen steckt, wenn er nicht aufgibt.

Seitdem genieße ich die guten Tage viel intensiver. Ein Konzert, ein Spaziergang mit Maggy, ein Gottesdienst, ein Sonnenuntergang im Remstal oder einfach ein gemeinsamer Kaffee auf der Terrasse – all das sind für mich kleine Geschenke des Lebens.

Denn ich weiß heute, wie schnell sich alles ändern kann.

Vor allem aber hat mir das Leben etwas geschenkt, wofür ich jeden Tag dankbar bin:

Yasmin.

Nach manchen Umwegen und einer gescheiterten Ehe ist sie die Liebe meines Lebens geworden. Gemeinsam mit ihr habe ich erfahren, dass Liebe, Vertrauen und Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten tragen können. Sie hat mich in guten und schlechten Tagen begleitet und ist bis heute der wichtigste Mensch an meiner Seite.

Besonders stolz bin ich auf ihren Weg in der Kirche. Mit viel Herzblut engagiert sie sich als Prädikantin und hat sich darüber hinaus entschieden, eine Ausbildung zur Diakonin zu machen. Nicht, weil sie es beruflich müsste oder weil es ihrer Karriere dient, sondern weil sie darin eine echte Berufung sieht.

Gerade das beeindruckt mich. In einer Zeit, in der vieles oft wie ein Beruf oder eine Funktion wirkt, spüre ich bei ihr eine tiefe innere Überzeugung und den Wunsch, für Menschen da zu sein, ihnen zuzuhören, sie zu begleiten und christliche Werte mit Leben zu füllen.

Vielleicht bin ich deshalb so stolz auf sie. Weil ich sehe, dass ihr Glaube nicht nur aus Worten besteht, sondern aus gelebter Nächstenliebe.

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann weiß ich:

Viele Wege bin ich allein gegangen. Aber die wichtigsten Jahre meines Lebens gehe ich gemeinsam mit Yasmin. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Wenn ich also nach vierzig Jahren im Ländle Bilanz ziehe, dann denke ich nicht an Karrieren, Ämter oder Titel.

Ich denke an Menschen.

An Freundschaften.

An Familie.

An Liebe.

Und an die Erkenntnis, dass das Leben kostbar ist.

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich in diesen vierzig Jahren gelernt habe:

Das Leben wird nicht dadurch reich, dass alles perfekt läuft. Es wird reich durch die Menschen, die uns begleiten, durch die Erfahrungen, die uns prägen, und durch den Mut, nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen.

Und genau deshalb genieße ich heute jeden guten Tag ein bisschen bewusster als früher.

Nicht trotz meines Schlaganfalls.

Sondern auch wegen der Dinge, die er mich gelehrt hat.

Wenn ich heute auf den jungen Mann zurückblicke, der zwischen Marx, Lenin, der Bibel und einem Berg Klamotten in einem überladenen Talbot nach Süddeutschland fuhr, dann muss ich schmunzeln.

Vieles hätte ich mir damals nicht vorstellen können.

Aber eines ist sicher:

Ich würde diesen Weg genauso wieder gehen.

Das Leben hat mir nicht alles gegeben, was ich mir gewünscht habe. Aber es hat mir weit mehr gegeben, als ich als 19-jähriger Bremerhavener im vollgepackten Talbot jemals erwarten konnte.

Und dafür bin ich dankbar.

Vielleicht war die Reise ins Ländle damals nur als Ausbildung gedacht.

Geworden ist daraus mein Leben.

Danke, Ländle. Für 40 bewegte Jahre.

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