Autor: udotopia

  • Mein Körper ist eine Baustelle – aber meine Seele hat noch TÜV!

    Über schlaflose Nächte, Nervenschmerzen, die Liebe meines Lebens, Willy Brandt und die Kunst, trotzdem dankbar zu sein.

    Manchmal wache ich morgens auf und denke: Wer hat mich eigentlich heute Nacht durch die Waschmaschine geschleudert? Und warum ausgerechnet im Schleudergang bei 1.400 Umdrehungen?

    Mein Körper fühlt sich an, als hätte ich die Nacht auf einer Baustelle verbracht. Nur leider war ich nicht der Bauleiter, sondern das Material.

    Die Nervenschmerzen haben wieder einmal ihre eigene Party gefeiert. Ohne Einladung, ohne Rücksicht und selbstverständlich ohne vorher bei mir anzufragen.

    Manchmal frage ich mich, ob meine Nerven überhaupt wissen, dass nachts eigentlich Ruhezeit ist.

    Aber dann kommt etwas, das stärker ist als der Schmerz: Dankbarkeit.

    Ich darf aufstehen. Ich darf einen neuen Tag erleben. Und ich bin dem lieben Gott dankbar, dass er mich nach allem, was mein Körper schon durchgemacht hat, noch immer hier sein lässt.

    Vielleicht hat er ja gedacht: Den lassen wir noch ein bisschen unten auf der Erde. Der hat noch genug zu meckern!

    Und dann hat er mir auch noch Yasmin an die Seite gestellt.

    Eine wunderbare Frau, die mich liebt, mich manchmal erträgt und vermutlich längst Anspruch auf eine himmlische Geduldsmedaille hätte.

    Sie ist für mich Liebe, Halt, Zuhause und manchmal auch die freundliche Erinnerung daran, dass nicht jede meiner Ideen sofort umgesetzt werden muss.

    Wenn ich an all das denke, weiß ich: Ich habe trotz meiner gesundheitlichen Einschränkungen verdammt viel Glück gehabt.

    Deutschland sucht den Mecker-Weltmeister

    Natürlich mache auch ich gelegentlich bei unserer inoffiziellen deutschen Meisterschaft im Meckern mit.

    Und ich gebe zu: Manchmal bin ich durchaus medaillenverdächtig.

    Über die Politik, die Bürokratie, die Ungerechtigkeiten und darüber, dass man für manche Anträge gefühlt erst drei Formulare braucht, um das eigentliche Formular beantragen zu dürfen.

    Aber bei allem Gemecker vergesse ich eines nicht:

    Unsere Demokratie ist ein unglaubliches Geschenk. Und sie ist alles andere als selbstverständlich.

    Ich weiß, was dieser demokratische und soziale Rechtsstaat für mich bedeutet. Gerade als Mensch, der durch Krankheit plötzlich auf Unterstützung, Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung angewiesen ist.

    Natürlich funktioniert nicht alles. Natürlich muss vieles verbessert werden. Und selbstverständlich darf man Regierungen kritisieren, auch laut und deutlich.

    Aber zwischen berechtigter Kritik und der Verachtung unserer Demokratie liegt ein gewaltiger Unterschied.

    Mein Vater, Willy Brandt und die politische DNA

    Mein Vater gehörte zu jener Generation, die nach dem Krieg dieses Land wieder aufgebaut und seine demokratische Entwicklung mitgetragen hat.

    Er wurde politisch von Willy Brandt geprägt. Von der Idee, dass Politik nicht nur den Mächtigen dienen darf, sondern gerade auch den Menschen, die jeden Morgen aufstehen, arbeiten, Familien versorgen und sich ein gutes Leben erhoffen.

    Von meinem Vater habe ich viel mitbekommen.

    Soziales Denken. Praktisches Handeln. Nicht lange herumreden, sondern selbst anpacken.

    Und vor allem die Überzeugung, dass man Verantwortung nicht einfach an andere abschieben darf.

    Ich nenne das meine politische DNA.

    Wobei ich gestehen muss: Die Gene fürs Meckern könnten ebenfalls von meinem Vater stammen. Wissenschaftlich ist das allerdings noch nicht abschließend geklärt.

    Schon als junger Kerl war mir der Umweltschutz wichtig. Das ist bis heute so geblieben.

    Für mich gehören soziale Gerechtigkeit, Demokratie und der Schutz unserer Lebensgrundlagen zusammen.

    Was nützt uns schließlich ein sozial gerechtes Land, wenn wir unseren Kindern und Enkeln einen kaputten Planeten hinterlassen?

    Zurück zu meiner persönlichen Großbaustelle

    Jetzt bin ich tatsächlich von meinen Nervenschmerzen über Yasmin und Willy Brandt bis zum Klimaschutz gekommen.

    Ein echter Allround-Beitrag!

    Aber so ist das Leben. Es hält sich schließlich auch nicht an eine ordentliche Tagesordnung.

    Zurück zu meinem Körper.

    Seit meinem Schlaganfall hat sich vieles verändert. Schmerzen, Einschränkungen, Erschöpfung und die Erkenntnis, dass manche Dinge nicht mehr so funktionieren wie früher.

    Und glauben soll bitte niemand, dass ich damit immer gelassen umgehen konnte.

    Es gab Zeiten voller Wut, Traurigkeit, Enttäuschung und Verzweiflung.

    Warum ich? Warum gerade jetzt? Warum funktioniert das nicht mehr?

    Und manchmal wollte ich meinen Körper am liebsten beim Hersteller reklamieren.

    Leider war die Garantie längst abgelaufen. Und Ersatzteile sind bei meinem Baujahr offenbar schwer zu bekommen.

    Zehn Jahre Arbeit an mir selbst

    Ich habe viele Rehakliniken kennengelernt. Ich habe Therapien gemacht und über zehn Jahre neuropsychologische Begleitung und Therapie erlebt.

    Das war kein Spaziergang.

    Ich hatte das große Glück, eine Therapeutin zu finden, mit der ich wirklich arbeiten konnte.

    Und ich meine bewusst: mit der ich arbeiten konnte.

    Denn eine gute Therapie ist keine Werkstatt, in der man seinen Kopf abgibt und ihn nach einer Stunde frisch repariert wieder abholt.

    Man muss selbst mitarbeiten.

    Man muss bereit sein, sich mit seinen Ängsten, Schwächen, Fehlern und Grenzen auseinanderzusetzen.

    Das braucht Mut.

    Es braucht Vernunft.

    Und vor allem braucht es Kritikfähigkeit.

    Auch die Fähigkeit, sich selbst einmal zu sagen: Vielleicht liege ich gerade falsch. Vielleicht muss ich etwas anders betrachten. Vielleicht muss ich lernen, mit Dingen zu leben, die ich nicht verändern kann.

    Das klingt einfacher, als es ist.

    Ich musste lernen, dass Akzeptanz nicht bedeutet, aufzugeben.

    Dass man nicht jeden Kampf gewinnen kann.

    Und dass ein Mensch nicht weniger wert ist, nur weil sein Körper nicht mehr alles mitmacht.

    Ich habe meinen Frieden nicht geschenkt bekommen

    Heute habe ich eine Art gefunden, mit meinen gesundheitlichen Baustellen zu leben.

    Nicht immer. Nicht jeden Tag. Und ganz bestimmt nicht jede Nacht.

    Es gibt weiterhin Tage, an denen die Schmerzen stärker sind als mein Optimismus.

    Aber ich habe gelernt, ihnen nicht auch noch mein ganzes Leben zu überlassen.

    Das war ein langer Weg, mit Rückschlägen, Tränen und manchmal auch ordentlich Selbstmitleid.

    Und ja, Selbstmitleid darf gelegentlich sein. Es sollte nur nicht dauerhaft die Geschäftsführung übernehmen.

    Ich bin dankbar für die Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Für die Fachleute in den Rehakliniken, für meine Therapeutin, für meine Familie und ganz besonders für Yasmin.

    Und ein kleines bisschen bin ich inzwischen sogar stolz auf mich selbst.

    Nicht, weil ich alles geschafft hätte.

    Sondern weil ich immer wieder versucht habe, weiterzumachen.

    Mein Glaube braucht keinen Heiligenschein

    Ich bin Christ. Aber ganz bestimmt keiner mit einem Heiligenschein.

    Eher einer mit Ecken, Kanten, gelegentlich schlechter Laune und einer ziemlich großen Klappe.

    Mein Glaube bedeutet für mich nicht, dass Gott mir jeden Schmerz abnimmt.

    Und ich glaube auch nicht, dass man Krankheit einfach als göttliche Prüfung schönreden sollte.

    Mein Glaube gibt mir vielmehr Hoffnung, Orientierung und das Gefühl, dass mein Leben trotz aller Einschränkungen einen Sinn hat.

    Er erinnert mich daran, dankbar zu sein, solidarisch zu handeln und andere Menschen nicht nach ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen.

    Denn Menschlichkeit beginnt dort, wo wir einander nicht nur danach bewerten, was jemand noch leisten kann.

    Und morgen früh?

    Vielleicht stehe ich morgen wieder auf und fühle mich wie ein alter Traktor, der bei minus zehn Grad gestartet werden soll.

    Vielleicht schmerzen die Nerven wieder.

    Vielleicht meckere ich schon vor dem Frühstück.

    Aber dann sehe ich Yasmin, denke an meinen Vater, an die Menschen, die mir geholfen haben, und an all das, was ich trotz meiner Einschränkungen noch erleben darf.

    Und dann sage ich dem lieben Gott wieder Danke.

    Nicht für die Schmerzen.

    Sondern für das Leben.

    Denn mein Körper mag eine Dauerbaustelle sein. Aber mein Herz schlägt noch, mein Kopf denkt noch, meine Stimme ist noch da und mein Humor hat glücklicherweise keinen Pflegegrad beantragt.

    Und solange das so ist, werde ich weiterleben, weiterlieben, weiterdenken, gelegentlich meckern und mich für eine menschlichere, sozialere und demokratische Welt einsetzen.

    Vielleicht etwas langsamer als früher.

    Aber ganz bestimmt nicht leiser.

    Udo Rauhut – udotopia

    P.S.: Sollte jemand zufällig eine Gebrauchsanweisung für meinen Körper finden, bitte bei mir melden. Besonders interessant wäre das Kapitel „Nervensystem nachts ausschalten“.

  • Soziale Gerechtigkeit braucht keine ideologischen Vormünder

    Über unsoziale Pflegepläne, friedlichen Protest, ideologische Vereinnahmung und die notwendige Abgrenzung gegen Antisemitismus – mit einer klaren Botschaft: keine Gewalt.

    Manchmal denke ich, die Welt ist verrückt geworden. Menschen gehen gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Straße – und plötzlich scheint es vor allem um Palästina zu gehen. Da frage ich mich: Was hat das mit der konkreten Landespolitik zu tun? Und was hilft es Menschen hier, die ihre Miete kaum bezahlen können, auf Unterstützung in der Pflege warten oder mit einer kleinen Rente auskommen müssen?

    Natürlich endet Solidarität nicht an einer Landesgrenze. Das Leid der palästinensischen Bevölkerung darf uns ebenso wenig gleichgültig sein wie die Sicherheit der Menschen in Israel. Trotzdem muss eine Demonstration gegen soziale Missstände bei ihrem Anliegen bleiben können. Wer für einen starken Sozialstaat auf die Straße geht, muss sich dafür keinem außenpolitischen Glaubensbekenntnis unterwerfen.

    Pflegebedürftige brauchen Hilfe statt zusätzlicher Hürden

    Die Sozialpolitik der Regierung Merz halte ich in wesentlichen Punkten für falsch. Dazu gehören die verschärften Regeln der neuen Grundsicherung, die seit Juli 2026 schrittweise gelten. [1]

    Besonders unsozial finde ich die geplanten Einschnitte in der Pflegeversicherung. Der Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes sieht höhere Hürden für die Einstufung in die Pflegegrade 1 bis 3 vor. Außerdem sollen Menschen mit Pflegegrad 1 künftig keinen Anspruch auf das neue Sozialraumbudget haben, das den bisherigen Entlastungsbetrag ersetzt. Bereits anerkannte Pflegegrade sollen allerdings vor einer Herabstufung allein aufgrund der neuen Schwellenwerte geschützt bleiben. Wichtig ist: Das sind bislang Reformpläne, noch kein geltendes Gesetz. [2, 3]

    Beratung und Prävention sind sinnvoll. Aber eine Beratung putzt keine Wohnung, erledigt keinen Einkauf und ersetzt keine helfende Hand. Wer Unterstützung streicht, beseitigt den Hilfebedarf nicht, sondern verlagert die Belastung auf Pflegebedürftige und ihre Angehörigen.

    Genau darin liegt für mich der unsoziale Kern dieser Pläne. Eine solidarische Pflegepolitik muss rechtzeitig helfen, bevor Menschen und Familien unter ihrer Belastung zusammenbrechen.

    Gegen solche Vorhaben auf die Straße zu gehen, ist wichtig. Wohnungsnot, Pflegekrise und Armut haben zwar eine längere Vorgeschichte. Das entbindet die heutige Regierung aber nicht von ihrer Verantwortung.

    Gewalt und Plünderungen sind ein absolutes No-Go

    Für mich gehört zu jedem Protest eine klare Grenze: Gewalt, Plünderungen und blinde Zerstörungswut sind ein absolutes No-Go.

    Wer Menschen angreift, Geschäfte ausraubt, Autos anzündet oder Einrichtungen verwüstet, kann sich dafür auf kein politisches Anliegen berufen. Auch ein berechtigter Protest rechtfertigt solche Taten nicht.

    Die Verantwortlichen müssen mit konsequenter Strafverfolgung und empfindlichen, der Schwere ihrer Taten angemessenen Strafen rechnen. Der Rechtsstaat muss friedliche Demonstrationen schützen und gegen Gewalttäter entschlossen vorgehen. Politische Überzeugungen dürfen kein Freibrief für Straftaten sein – unabhängig davon, aus welcher Richtung sie kommen.

    Eine geplünderte Ladenkasse finanziert keine bessere Pflege. Ein brennendes Auto macht keine Wohnung bezahlbarer. Solche Taten treffen Menschen, gefährden Unbeteiligte und verdrängen die berechtigten Forderungen der friedlich Demonstrierenden aus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

    Wer soziale Gerechtigkeit fordert, muss auch Verantwortung für sein eigenes Handeln übernehmen.

    Wenn andere das Anliegen übernehmen

    Was mich ebenfalls stört, ist die Vereinnahmung offener Proteste durch Gruppen mit einem ausgeprägten ideologischen Führungsanspruch. Menschen kommen wegen eines konkreten Problems zusammen – und sollen plötzlich ein ganzes Weltbild übernehmen.

    Das erinnert mich an Erfahrungen aus den Achtzigerjahren. Ich bewegte mich damals im Umfeld undogmatischer Linker und anarchosyndikalistischer Zusammenhänge. Nach meiner Erinnerung begegneten uns auch antiimperialistische Aktivisten aus Stuttgart, die sehr genau zu wissen glaubten, welche politische Linie alle anderen zu vertreten hätten.

    Wir wollten besetzte Häuser bewohnbar machen, gemeinsam etwas aufbauen und konkrete Lebensbedingungen verbessern. Stattdessen landeten wir nach meiner Erinnerung immer wieder in Grundsatzdebatten über Palästina oder Forderungen nach der Freilassung inhaftierter RAF-Mitglieder.

    Ich empfand das als Bevormundung. Wir versuchten, solchen Vereinnahmungen entgegenzutreten. Andere ließen sich von diesen Gruppen überzeugen und schlossen sich ihnen an.

    Das ist meine persönliche Erinnerung, keine vollständige Geschichte der damaligen Bewegung. Aber sie erklärt, warum ich heute aufmerksam werde, wenn kleine, fest organisierte Gruppen versuchen, offenen Initiativen ihre politische Richtung vorzugeben.

    Dabei muss man die Begriffe auseinanderhalten: Antiimperialistische, trotzkistische und RAF-nahe Strömungen sind nicht dasselbe. Für Teile trotzkistischer Organisationen ist allerdings die Strategie des „Entrismus“ dokumentiert: Sie arbeiten gezielt in anderen Organisationen mit, um dort Einfluss auf die politische Ausrichtung zu gewinnen. Daraus folgt weder, dass jede Mitarbeit eine Unterwanderung ist, noch dass sämtliche Palästina-Gruppen so funktionieren. [4]

    Meine Kritik richtet sich gegen ein bestimmtes Verhalten: Wer andere Anliegen nur als Bühne für die eigene Organisation benutzt und allen Beteiligten seine Linie aufzwingen will, schwächt eine offene, demokratische Protestkultur.

    Was bedeutet „Free Palestine“ konkret?

    Wer „Free Palestine“ ruft, sollte erklären können, welche Freiheit gemeint ist.

    Für mich bedeutet ein freies Palästina: demokratische Wahlen, Meinungsfreiheit, unabhängige Gerichte, gleiche Rechte für Frauen, Schutz religiöser Minderheiten und ein Leben ohne Angst für queere Menschen. Dazu gehört ebenso die Sicherheit der israelischen Nachbarn.

    Eine islamistische Diktatur wäre keine Befreiung. Der Iran zeigt, wie ein religiös autoritäres Regime Menschen unterdrückt. Amnesty International dokumentiert dort schwere Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie systematische Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und Minderheiten. [5]

    Das heißt ausdrücklich nicht, dass alle Menschen, die sich für Palästina einsetzen, eine solche Herrschaft wollen. Gerade deshalb sollte eine demokratische Solidaritätsbewegung ihre Maßstäbe deutlich aussprechen. Wer Menschenrechte fordert, muss sie auch gegenüber der Hamas und anderen autoritären Kräften verteidigen.

    Palästinenserinnen und Palästinenser haben ein Recht auf Freiheit, Sicherheit und politische Selbstbestimmung. Israelis haben dieses Recht genauso. Eine glaubwürdige Friedensperspektive muss beides zusammenbringen.

    Antisemitismus verschwindet nicht unter einer roten Fahne

    Wenn ich heutige Debatten in der Linksjugend [’solid] und Teilen der Partei Die Linke verfolge, erkenne ich Denkmuster wieder, die mich schon früher abgestoßen haben: die Aufteilung der Welt in angeblich ausschließlich gute Unterdrückte und ausschließlich böse Unterdrücker, verbunden mit einer besonderen Fixierung auf Israel.

    Ein konkreter Anlass für meine Kritik ist der Beschluss der Linksjugend „Nie wieder zu einem Völkermord schweigen!“. Darin wird dem israelischen Staatsprojekt grundsätzlich ein kolonialer und rassistischer Charakter zugeschrieben. Diese pauschale Betrachtung halte ich für problematisch, weil sie die Geschichte jüdischer Verfolgung und das Bedürfnis nach einem sicheren Zufluchtsort aus meiner Sicht nicht ausreichend berücksichtigt. Das ist meine Bewertung dieses Beschlusses – kein Urteil über jedes einzelne Mitglied. [6]

    Zur Wahrheit gehört auch: Innerhalb der Linken gibt es Widerspruch gegen solche Entwicklungen. Die Parteivorsitzenden kritisierten im März 2026 den niedersächsischen Beschluss zum Antizionismus deutlich und wandten sich gegen die Verwendung von „Zionist“ als Schimpfwort oder Feindmarkierung. Die Partei ist in dieser Frage also kein einheitlicher Block. [7]

    Trotzdem bleibt das Problem bestehen. Antisemitismus in Teilen der Linken ist weder eine Erfindung politischer Gegner noch eine neue Erscheinung. Seine Geschichte und seine Verbindung mit bestimmten Formen des Antiimperialismus sind seit Langem dokumentiert. Dafür brauchte es die AfD nicht. [8]

    Der notwendige Kampf gegen rechten Antisemitismus darf niemals zum Vorwand werden, ihn im eigenen politischen Umfeld zu übersehen. Eine rote Fahne, ein antifaschistischer Aufkleber oder die richtige Selbstbeschreibung machen niemanden automatisch frei von Vorurteilen.

    Kritik an der israelischen Regierung muss möglich sein, auch scharfe Kritik. Die Grenze ist dort überschritten, wo Jüdinnen und Juden kollektiv verantwortlich gemacht, bedroht oder ausgegrenzt werden. Ebenso wenig darf die palästinensische Bevölkerung pauschal mit der Hamas gleichgesetzt werden.

    Gemeinsam für einen solidarischen Sozialstaat

    Ich wünsche mir eine soziale Bewegung, in der Menschen gemeinsam für bezahlbares Wohnen, gute Pflege, faire Löhne und soziale Sicherheit kämpfen können. Eine Bewegung, die diskutieren kann, ohne Andersdenkende niederzubrüllen. Die sich gegen Antisemitismus ebenso klar stellt wie gegen Rassismus und die Gewalt und Plünderungen unmissverständlich zurückweist.

    Internationale Solidarität und der Einsatz gegen soziale Missstände hier können zusammengehören. Dafür braucht es nachvollziehbare Zusammenhänge, gegenseitigen Respekt und die Freiheit, unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen.

    Soziale Gerechtigkeit braucht offene Augen, demokratische Überzeugungen und praktische Solidarität. Ideologische Vormünder braucht sie nicht. Und ganz klar: keine Gewalt!

    Liebe Grüße Udo Rauhut


    KI-generiertes Symbolbild.

    Quellen und Faktenprüfung

    Stand: 2. November 2026. Persönliche Erinnerungen an die Achtzigerjahre sind als solche gekennzeichnet; für die konkreten Erlebnisse mit Stuttgarter Gruppen liegt kein unabhängiger Beleg vor. Politische Wertungen sind Meinungsäußerungen. Die Pflegereform wird als Entwurf beschrieben.

    [1] Bundesregierung: Neue Grundsicherung löst Bürgergeld ab.
    https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/neue-grundsicherung-2399562

    [2] Bundesgesundheitsministerium: FAQ zum Pflegeneuordnungsgesetz.
    https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-21-lp/pnog

    [3] Stiftung Warentest: Pflegereform – höhere Hürden für Pflegegrade ab 2027.
    https://www.test.de/Pflegereform-5999460-0/

    [4] Bundeszentrale für politische Bildung: Das trotzkistische Spektrum im Linksextremismus.
    https://www.bpb.de/themen/linksextremismus/dossier-linksextremismus/33618/das-trotzkistische-spektrum-im-linksextremismus/

    [5] Amnesty International: Iran – aktuelle Lage und Menschenrechte.
    https://www.amnesty.de/informieren/laender/iran

    [6] Linksjugend [’solid]: Nie wieder zu einem Völkermord schweigen!
    https://www.linksjugend-solid.de/beschluss/nie-wieder-zu-einem-voelkermord-schweigen/

    [7] Die Linke: Debatte um Nahost verlangt besondere Verantwortung, 20. März 2026.
    https://www.die-linke.de/detail/news/debatte-um-nahost-verlangt-besondere-verantwortung/

    [8] Bundeszentrale für politische Bildung: Antisemitismus im linken Spektrum.
    https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/307887/antisemitismus-im-linken-spektrum/

  • Vom Träumer zum Realisten? – Wie sich mein Denken verändert hat

    Wenn ich auf meine Haltung in den 80er-Jahren zurückblicke, merke ich, wie sehr sich meine Sicht auf die Welt verändert hat. Damals war ich Teil der Friedensbewegung – mit voller Überzeugung. Es ging um das Gleichgewicht der zwei Blöcke: West und Ost. Die Bedrohung war real, aber gleichzeitig abstrakt. Es stand nie zur Debatte, dass ein Land einfach überfallen wird.

    Heute sieht das anders aus. Putins Angriff auf die Ukraine hat mein Denken grundlegend erschüttert. Ich glaube nicht mehr, dass Frieden allein durch Dialog, Appelle oder Blumen möglich ist. Faschisten lassen sich nicht mit pazifistischen Gesten aufhalten.

    Ich sehe diesen Krieg nicht mehr nur geopolitisch – er hat auch meine persönlichen Überzeugungen infrage gestellt. Hätte ich heute denselben Mut zur Kriegsdienstverweigerung wie damals? Ich bezweifle es. Mein Zivildienst war wichtig für mich, er hat mich geprägt. Aber heute denke ich: Wenn wir unsere Demokratie schützen wollen, brauchen wir auch die Bereitschaft, sie zu verteidigen – notfalls mit Waffen.

    Ob das im Rahmen der NATO geschieht oder durch eine europäische Armee, darüber kann man diskutieren. Aber klar ist für mich: Wehrlosigkeit ist keine Option mehr.

    Besonders erschreckend finde ich, wie sich ein Teil der sogenannten Friedensbewegung heute verhält. Viele von ihnen – etwa das BSW oder die AfD – zeigen mehr Sympathie für Putin als für die Opfer seines Krieges. Die AfD, diese Nazi-Partei, die den Nationalsozialismus verharmlost und alles andere ist als friedlich, stellt sich selbst als Verteidigerin des Friedens dar – dabei steht sie für Hass, Ausgrenzung und autoritäres Denken. Sie nennen es „Friedenspolitik“, aber in Wahrheit verteidigen sie autoritäre Regime.

    Wir sehen in Echtzeit, wie schnell ein Land entdemokratisiert werden kann – siehe Trump. Wenn die Demokratie kippt, wird es sehr schwer, noch freiheitlich, links oder sozial zu träumen.

    Glaub mir, es fällt mir nicht leicht, gegen mein altes Denken anzukämpfen. Ich habe viele Jahre geglaubt, dass es ohne Waffen, ohne Armeen geht. Aber ich glaube, es ist richtig, heute anders zu denken. Es ist keine Abkehr von meinen Idealen, sondern ein Versuch, sie an die Realität anzupassen.

    Meine Veränderung ist für mich kein Verrat. Es ist das Ergebnis von Lebenserfahrung. Ich möchte nicht dogmatisch an etwas festhalten, das sich in der Realität nicht bewährt hat. Stattdessen versuche ich, weiterzudenken – auch wenn das bedeutet, alte Überzeugungen loszulassen.

    Und trotzdem schlägt mein Herz links. Ich werde weiter für einen demokratischen Sozialismus eintreten – als Grundgerüst das Grundgesetz, oder, wenn man mutiger denkt, sogar in Richtung eines föderalen Syndikalismus mit dezentralen, selbstbestimmten Strukturen. Eine freie Gesellschaft braucht starke Verteidigung – aber auch eine soziale, gerechte und solidarische Vision für die Zeit nach dem Krieg.rkunden Sie inspirierende Geschichten und Experteneinblicke.

  • Der Tod ist immer am Leben vorbei

    Der Tod ist immer am Leben vorbei – Ein Plädoyer für das Hier und Jetzt

    Das Leben ist endlich. Eine banale Erkenntnis, die doch viele verdrängen. Wir hetzen durch den Alltag, lassen uns von Routinen und Sorgen auffressen und vergessen dabei oft, dass jeder Moment zählt. Doch am Ende, wenn der letzte Atemzug getan ist, wird klar: Der Tod ist immer am Leben vorbei. Er holt uns, aber er erlebt nichts. Wir aber können – bis zur letzten Minute.

    Leben genießen – bewusst und mit Verantwortung

    Genießen heißt nicht, blind konsumieren oder rücksichtslos leben. Es bedeutet, den Moment zu schätzen, bewusst zu handeln und Spuren zu hinterlassen, die nicht nur für uns selbst Bedeutung haben, sondern auch für kommende Generationen. Der Kampf gegen die Klimakrise ist genau das: Verantwortung übernehmen, damit auch andere nach uns noch eine lebenswerte Welt vorfinden.

    Die Klimakiller, die unsere Erde ausbeuten, lassen sich nicht mit Gleichgültigkeit besiegen. Wer sich zurücklehnt und sagt: „Was kann ich schon tun?“, hat schon verloren. Jeder Schritt zählt, jeder Einsatz, jede Veränderung im Denken und Handeln.

    Populismus darf niemals gewinnen

    Während wir für den Erhalt unseres Planeten kämpfen, dürfen wir eine weitere Gefahr nicht übersehen: den Populismus. Er verspricht einfache Lösungen für komplexe Probleme, spielt mit Ängsten und spaltet Gesellschaften. Wer ihnen nachgibt, verliert nicht nur seine eigene Stimme, sondern riskiert, dass unsere demokratischen Werte untergehen. Deshalb gilt: Hinschauen, laut sein, wählen gehen, Haltung zeigen.

    Denn das Leben ist zu kurz, um es denen zu überlassen, die es zerstören.

    „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“ – Johann Wolfgang von Goethe

  • Eine Begegnung, die mich nicht mehr loslässt – eine ukrainische Krankenschwester erzählt

    Manchmal sind es die Begegnungen, die nur wenige Minuten dauern und einen trotzdem tagelang beschäftigen.Gestern war ich in der Radiologie. Eine CT-Untersuchung meines Darms stand an. Nichts Besonderes eigentlich. Krankenhausalltag eben. Doch dann begegnete ich einer Krankenschwester, deren Geschichte mich tief berührt hat.Sie bereitete gerade die Untersuchung vor und legte mir den Zugang für das Kontrastmittel. Ich sagte zu ihr: „Das machen Sie wirklich gut.“Sie lächelte und antwortete: „Wir in der Ukraine haben auch etwas gelernt. Aber diese Arbeit wollen die Deutschen ja nicht mehr machen.“Ich musste erst einmal schlucken. Und ehrlich gesagt konnte ich ihr nicht widersprechen.Wir kamen ins Gespräch.Sie erzählte mir, dass sie in Deutschland arbeitet, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Vier Monate ist sie hier, die übrige Zeit arbeitet sie in der Ukraine. In einem Lazarett nahe der Front. Fast ohne Bezahlung.Dann erzählte sie von ihrem Mann.Er ist im Krieg gefallen.Ich war für einen Moment sprachlos. Mehr als mein aufrichtiges Beileid konnte ich kaum ausdrücken.Doch sie sagte mit einer bemerkenswerten Entschlossenheit: „Er hat unser Land verteidigt. Das ist gut.“Sie sprach auch über ihre Angst. Die Angst vor den russischen Soldaten, vor der Zerstörung ihres Hauses, vor dem Verlust ihrer Heimat.Und vor allem davor, dass Russland den Menschen ihre Kultur und ihre mühsam erkämpfte Freiheit wieder nehmen könnte.Was bedeutet Freiheit eigentlich?Während ich dort auf meine Untersuchung wartete, wurde mir wieder einmal bewusst, wie selbstverständlich wir in Deutschland vieles nehmen.Wir diskutieren über Politik, streiten über Parteien und beklagen uns über unseren Alltag.Diese Frau dagegen lebt zwischen zwei Welten.Hier arbeitet sie, um ihre Familie zu ernähren. In ihrer Heimat versorgt sie Verwundete in einem Krieg, der ihr bereits den Ehemann genommen hat.Und trotzdem gibt sie nicht auf.Mich hat diese Begegnung auch deshalb so bewegt, weil ich immer wieder Menschen höre, die behaupten, die Ukraine solle doch einfach aufgeben, Gebiete abtreten und endlich Frieden schließen.Aber was bedeutet ein solcher Frieden für Menschen wie diese Krankenschwester?Frieden ohne Freiheit? Frieden unter der Herrschaft eines Staates, vor dem sie Angst hat?Wer sind wir eigentlich, dass wir diesen Menschen erklären wollen, wie viel Freiheit sie aufgeben sollen?Solidarität darf nicht bei schönen Worten enden.Ich bin überzeugt: Die Ukraine braucht weiterhin unsere Unterstützung. Humanitär, politisch und auch bei ihrer Verteidigung.Denn hinter jeder Nachricht über diesen Krieg stehen Menschen. Menschen mit Familien, Hoffnungen, Ängsten und Träumen.Menschen wie diese Krankenschwester.Als ich die Radiologie verließ, nahm ich mehr mit als nur eine medizinische Untersuchung.Ich nahm eine Geschichte mit, die mich noch lange beschäftigen wird.Und vielleicht sollten wir alle manchmal etwas weniger laut über die Ukraine reden und dafür den Menschen aus der Ukraine genauer zuhören.Denn Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Für manche Menschen kostet sie alles.udotopia – Meine kunterbunte Welt

  • Udotopia meldet sich zurück – das Leben hatte andere Pläne

    Udotopia meldet sich zurück – das Leben hatte andere Pläne

    Sechs Monate Funkstille. Kein neuer Beitrag, kein Lebenszeichen von Udotopia.
    Aber keine Sorge – ich war nicht weg. Das Leben war nur lauter als die Tastatur.

    Yasmin und ich hatten die letzten Monate alle Hände voll zu tun: Handwerker koordinieren, Material besorgen, Entscheidungen treffen, improvisieren, weiteratmen.
    Unser neues Zuhause – das Haus, das wir von Yasmins Vater geerbt haben – war eine Großbaustelle mit Geschichte und Herz. Wir haben ihm versprochen, sein selbst gebautes Haus zu hüten und darin weiterzuleben. Dieses Versprechen haben wir ernst genommen.

    Doch wie so oft kam das Leben mit einer zusätzlichen Schleife um die Ecke:
    Ich landete im Krankenhaus. Die Galle musste raus. Eigentlich ein Routineeingriff – eigentlich.
    Doch danach lief alles schief, was schieflaufen konnte. Die OP-Narben entzündeten sich, ich bekam hohes Fieber und stand kurz vor einer Sepsis. Die Wunden mussten wieder geöffnet und täglich gespült werden.

    Kein Wellnessprogramm.
    Aber eine sehr direkte Erinnerung daran, wie schnell sich alles ändern kann – und wie wichtig Geduld, Vertrauen und Menschen an der eigenen Seite sind.

    Kaum wieder draußen, ging es ohne echte Pause weiter: Umzug.
    Vom Krankenhaus direkt ins neue Haus, das gerade so weit fertig war, dass man irgendwie einziehen konnte.
    Dach, Keller, Garten – alles wurde angepackt. Was finanziell machbar war, wurde renoviert, repariert oder neu gestaltet. (Bilder reiche ich nach – versprochen.)

    Im Juli folgte das große Kisten-Ballett:
    vom alten ins neue Zuhause, von der Bühne bis zum Keller. Yasmin war dabei unser Fels – organisatorisch, menschlich, emotional.
    Getragen hat uns unser Motto:

    „Heute ist Gestern voll – mit 200 Prozent!“

    Unser Wunsch war klar: bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen in Pflege- und Sozialberufen zu schaffen.
    Im August wurde daraus Realität. Die Diakonie Stetten mietete unser altes Haus, und am 1. September zogen die ersten Auszubildenden und Praktikant:innen ein.

    Bis kurz vor dem Einzug wurde gearbeitet.
    Ich habe noch Router eingerichtet, WLAN-Verstärker montiert und Kabel im Gemeinschaftsraum – unserem alten Esszimmer – verlegt.
    Digitales Ankommen gehört heute eben auch zum Zuhause.

    Und ganz ehrlich: In all dem war keine Kraft mehr für Blogbeiträge.
    Durch meine Erkrankungen war ich gezwungen, immer wieder Pausen einzulegen. Diese Pausen waren nicht freiwillig, sondern notwendig. Mein Körper zieht klare Grenzen – und die musste (und muss) ich akzeptieren.
    Dadurch hat vieles länger gedauert, als geplant: Schritt für Schritt statt im Sprint.

    Die wahre Powerfrau in dieser Zeit war Yasmin.
    Während ich pausieren musste, hat sie organisiert, koordiniert, verhandelt, mitgedacht und getragen – ruhig, klar und mit unglaublicher Stärke.
    Ohne großes Aufheben, aber mit ganz viel Herz. Ohne sie wäre vieles so nicht gegangen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

    Zurück zu den Wurzeln – politisch und menschlich

    Diese Monate waren aber nicht nur Baustelle und Krankheit.
    Sie waren auch eine Zeit des inneren Sortierens.

    Nach dem Schnuppern bei der SPD, Gesprächen mit Landtagsabgeordneten und Begegnungen mit Mitgliedern der CDU wurde mir im Juni eines ganz klar:
    Mein Weg führt zurück zu meinen politischen Wurzeln – zurück zur Linken.

    Nicht aus Trotz.
    Sondern aus Überzeugung.

    Soziale Gerechtigkeit, Solidarität und eine klare Haltung gegen Rechts – das ist der Kompass, der mich trägt.
    Und was mich besonders freut: Die Linke im Rems-Murr-Kreis ist jünger, vielfältiger und aktiver geworden.
    Mehr Debatte, mehr Bewegung, mehr Mut. Das tut gut. Und es fühlt sich richtig an.

    Zurück zu den Wurzeln bedeutete für mich aber nicht nur Parteiarbeit.
    Es bedeutete auch, wieder ganz praktisch anzupacken:
    durch meine Mitarbeit beim DGB, insbesondere in der Unterstützung von Menschen im Sozialrecht.

    Dort, wo es konkret wird.
    Wo es um Existenzsicherung, Rechte, Würde und faire Behandlung geht.
    Genau da, wo Politik nicht aus Reden besteht, sondern aus Zuhören, Erklären und Dranbleiben.

    Klare Grenze gegen Ausgrenzung

    Gleichzeitig habe ich gemerkt, wovon ich mich bewusst entferne.
    Von Menschen – auch aus Sozialverbänden –, die Unterschiede zwischen Menschen nach Herkunft machen, mit falschen Zahlen argumentieren und Narrative verbreiten, wie sie von der rechtsextremen AfD genutzt werden.

    Besonders bitter wird es dort, wo solche Erzählungen teilweise von CDU-Mitgliedern übernommen werden – und sich der Frust dann nicht nach oben richtet, sondern gegen die Schwächeren.
    Wenn Hass in WhatsApp-Nachrichten gegossen wird und nach unten tritt, statt Ursachen zu benennen, ist für mich eine klare Grenze erreicht.

    Von solchen Haltungen distanziere ich mich.
    Nicht aus Überheblichkeit, sondern weil Ausgrenzung, Hass und bewusst falsche Vereinfachungen für mich nichts mit sozialem Denken zu tun haben.
    Das ist nicht mein Weg. Dafür fehlt mir – ganz offen gesagt – das richtige geistige Fundament.

    Jetzt, wo sich vieles sortiert hat, kann ich sagen:
    Ich bin wieder da. Udotopia lebt.

    Vielleicht etwas langsamer, vielleicht nachdenklicher – aber mit dem gleichen Herzen wie immer.
    Denn manchmal schreibt das Leben die wildesten Kapitel, bevor man sie erzählen kann.

    Und weil das Leben offenbar noch nicht genug hat, geht es im Januar 2026 direkt weiter:
    mit Klinikaufenthalten und anschließender Reha.
    Auch das wird hier seinen Platz finden – ehrlich, ungeschönt und hoffentlich mit hellen Momenten dazwischen.

    Also: Willkommen zurück auf Udotopia. 💫
    Die Baustelle ist noch nicht ganz fertig – weder im Haus noch im Leben.

    👉 In den kommenden Monaten wird es hier wieder mehr geben: Texte über Alltag und Krankheit, Musik und Mut, über Zusammenhalt, Politik, Glaube, Humor und diese kunterbunte Welt, die trotz allem lebenswert bleibt.

    Schön, dass ihr noch da seid. 🌻

  • Persönliche Erfahrungen im Rems-Murr-Klinikum Winnenden: Ein Blick hinter die Kulissen

    Healthcare worker walking through a hospital corridor
    A healthcare worker walks through a bright, orderly hospital corridor.

    Persönliche Erfahrungen im Rems-Murr-Klinikum Winnenden: Ein Blick hinter die Kulissen

    Momentan befinde ich mich im Rems-Murr-Klinikum Winnenden – jenem Krankenhaus, das in der Vergangenheit bereits öfter in die Kritik geraten ist. Heute möchte ich aber meine persönlichen Eindrücke schildern – aus menschlicher Sicht, nicht aus der Perspektive von Vorurteilen oder schnellen Urteilen.

    Alles begann mit so heftigen Bauchschmerzen, dass ich nicht einmal alleine zum Arzt gehen konnte. Ich rief den Rettungsdienst – und die Sanitäter waren zum Glück sehr schnell zur Stelle. Sie untersuchten mich sorgfältig und beschlossen, mich ins Krankenhaus nach Winnenden zu bringen.

    Dort musste ich mit extrem starken Schmerzen fast drei Stunden warten, bis endlich ein Arzt Zeit für mich hatte. Es war extrem viel los, und das wenige vorhandene Personal musste schwere Entscheidungen treffen: Wer brauchte sofort Hilfe, bei wem ging es um Leben und Tod?

    An dieser Stelle möchte ich klar betonen: Ich gebe weder dem Klinikum noch den Ersthelfern die Schuld dafür, dass ich warten musste. Trotz meiner Verzweiflung und meiner Tränen vor Schmerz – das Personal leistete mehr als 100 Prozent und gab sein Bestes. Schuld ist die Politik und das Gesundheitssystem, das durch jahrelange Sparmaßnahmen das Personal an seine absoluten Grenzen gebracht hat. Die Schließung vieler Notfallpraxen durch den Verband der gesetzlichen Krankenkassen hat die Situation weiter verschärft. Pflegekräfte erfahren von der Politik höchstens feuchte, leere Versprechungen – echte Wertschätzung bleibt aus. Auch die Bezahlung in der Pflege ist nach wie vor ein Skandal. Zusätzlich wird Pflegepersonal aus dem Ausland systematisch ausgebremst, weil ihre Ausbildung hier oft nicht anerkannt wird – eine unglaubliche Arroganz, die völlig ausblendet, dass viele andere Staaten längst an uns vorbeigezogen sind, was medizinische Ausbildung und Qualität angeht.

    Doch nun zu meiner eigenen Behandlung:
    Ein sehr kompetenter Arzt untersuchte mich und fand die Ursache meiner Schmerzen – Gallensteine. Ich musste im Krankenhaus bleiben. Ein Oberarzt bestätigte den Befund mit einem hochmodernen Ultraschallgerät und erklärte mir, dass meine Gallenblase entfernt werden müsse. Allerdings erst, nachdem die Entzündung in meinem Bauchraum zurückgegangen war. Die Entzündung war schlimmer als gedacht, was Blutuntersuchungen bestätigten.
    Angesichts meiner komplizierten Vorgeschichte im Magenbereich war eine Operation nicht ganz einfach. Trotzdem fühlte ich mich von Anfang an gut aufgehoben. Schnell bekam ich Antibiotika-Infusionen und wurde auf die Station 37 verlegt.

    Auf Station 37 begegnete ich einem Team aus sehr liebevollem Pflegepersonal und einer kompetenten, engagierten Stationsleiterin. Die Atmosphäre war familiär, herzlich und gleichzeitig hochprofessionell. Trotz enormer Belastung leistete das gesamte Team herausragende Arbeit – oft bis zum absoluten Anschlag.

    Auch meine weiteren Untersuchungen am nächsten Tag verliefen reibungslos, unterstützt von modernster Technik. Schon bald ließen die Schmerzen nach – ein riesiger Schritt für mich. Allerdings bleibt die Tatsache bestehen: Die Gallenblase muss entfernt werden, und ich werde im Klinikum bleiben, bis mein Entzündungswert wieder im Normalbereich ist.

    Mein persönliches Fazit:
    Mein Aufenthalt hier ist trotz aller Umstände angenehm. Ich habe gelernt: Hinter jeder Pflegekraft, hinter jedem Arzt, steckt in erster Linie ein Mensch, der tagtäglich sein Bestes gibt. Mein höchster Respekt gilt diesem Personal – sie verdienen unsere Anerkennung und unsere Unterstützung.

    Pflege und Sozialpolitik – ein bitteres Gesamtbild:
    Meine Erfahrung zeigt einmal mehr, wie dringend eine radikale Wende in der Pflege- und Gesundheitspolitik notwendig ist. Die Ökonomisierung unserer Krankenhäuser, das jahrelange Kaputtsparen von Pflegepersonal, das Ignorieren internationaler Fachkräfte – all das geht auf das Konto einer Politik, die lieber Zahlen verwaltet als Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

    Meine Sicht:
    Ich teile die Überzeugung, dass Gesundheit ein Menschenrecht ist und kein Geschäftsmodell. Krankenhäuser dürfen nicht länger wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden, Pflegepersonal braucht endlich die Anerkennung, die es verdient – in Form von besseren Arbeitsbedingungen, höheren Löhnen und echtem gesellschaftlichen Respekt.
    Zudem müssen ausländische Fachkräfte unkompliziert integriert werden können, anstatt sie durch bürokratische Hürden zu blockieren.

    Schlusswort:
    Pflege ist keine Ware!

    Update:
    Ich wurde vorläufig entlassen – mein Bauchraum braucht noch Zeit, um sich zu beruhigen, und die Entzündungen müssen vollständig abklingen. Am 14. Mai werde ich wieder ins Krankenhaus Winnenden aufgenommen, wo mir dann die kaputte Gallenblase entfernt wird. Aufgrund meiner Vorerkrankungen im Magen-Darm-Bereich wird das keine einfache Operation.
    Insgesamt war ich aber positiv überrascht von der Klinik – vor allem auf Station 37 fühlte ich mich sehr wohl und gut aufgehoben.
    Ich möchte mich bei den Ärzten und dem Pflegepersonal von Herzen für ihren großen Einsatz bedanken.

    Blog

    Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

    Blog

    Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

    Blog

    Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

    Blog

    Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

    Blog

    Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

  • „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – Ein Satz, der mich wütend macht

    „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – Ein Satz, der mich wütend macht

    Manchmal möchte ich einfach nur in die Luft gehen, wenn ich diesen einen Satz wieder höre: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Fast immer kommt er dann, wenn jemand gerade über Ausländer, Flüchtlinge oder Bürgergeldempfänger herzieht. Dann folgen die altbekannten Relativierungen: „Ich bin ja kein Nazi, aber…“, „Die AfD ist doch demokratisch gewählt…“. Und jedes Mal steigt in mir die Wut. Denn was hier passiert, ist keine freie Meinungsäußerung – es ist Verharmlosung, Hetze und gesellschaftlicher Rückschritt.

    Demokratisch gewählt – undemokratisch in der Haltung

    Natürlich ist die AfD demokratisch gewählt worden – das heißt aber nicht, dass sie damit außerhalb jeder Kritik steht. Auch eine demokratisch gewählte Partei kann extremistische, gefährliche Positionen vertreten. Wer Minderheiten angreift, mit falschen Zahlen Stimmung macht und demokratische Grundwerte aushöhlt, verdient keine Nachsicht, sondern entschiedenen Widerspruch.

    Freiheit der Meinungsäußerung bedeutet nicht, dass jede Meinung akzeptiert werden muss. Sie schützt die Äußerung vor staatlicher Repression – nicht vor gesellschaftlicher Kritik. Wer rassistische, ausgrenzende Dinge sagt, muss mit Widerspruch rechnen. Das ist der Preis der Demokratie: dass wir auch Verantwortung für das übernehmen, was wir sagen.

    Die Doppelmoral in Organisationen, die es besser wissen müssten

    Besonders bitter wird es, wenn Organisationen, die für soziale Gerechtigkeit stehen sollten, in ihren eigenen Reihen rechte Tendenzen dulden. Ich spreche von einem Sozialverband mit drei bekannten Buchstaben. Offiziell wirbt dieser Verband mit Vielfalt, Toleranz und einem klaren Bekenntnis gegen Rassismus. Doch hinter den Kulissen sieht es oft anders aus.

    In Orts- und Kreisverbänden hört man plötzlich Sprüche, die eins zu eins aus dem AfD-Archiv stammen könnten. Es wird gegen Geflüchtete gehetzt, über Migranten gespottet und mit falschen Zahlen Stimmung gemacht. Auf Feiern oder Versammlungen fällt so mancher Satz, der alles andere als menschenfreundlich ist. Und wenn man das anspricht? Dann wird es plötzlich sehr still. Oder laut – gegen einen selbst.

    Der Versuch, Kritik zum Schweigen zu bringen

    Ich habe diese Zustände öffentlich gemacht. Ich habe gesagt, was viele denken, aber nicht aussprechen wollen: Dass es in diesem Verband problematische Haltungen gibt, die mit dem offiziellen Selbstbild nicht vereinbar sind. Dass manche Funktionsträger Dinge sagen, die menschenverachtend sind. Dass weggesehen wird, anstatt einzuschreiten.

    Was dann kam, war leider bezeichnend. Bezirksverbände, die mir im persönlichen Gespräch noch zugestimmt hatten, versuchten plötzlich alles, um eine Veröffentlichung in der Presse zu verhindern. Es wurden juristische Schritte angedroht, ich wurde als Lügner dargestellt, und das Ganze sollte möglichst still begraben werden. Dabei gibt es Beweise. Es gibt Aussagen. Es gibt Menschen, die wissen, dass ich recht habe – und trotzdem schweigen.

    Mein größter Fehler: zu lange geschwiegen zu haben

    Wenn ich einen Vorwurf mir selbst machen muss, dann diesen: Ich habe viel zu lange geschwiegen. Ich habe Dinge beobachtet, bei denen ich früher hätte aufstehen müssen. Ich habe mich verbiegen lassen, weil ich dachte, es sei besser, den inneren Frieden zu wahren. Aber das war falsch. Schweigen hilft immer nur den Falschen.

    Ich will, dass wir endlich hinschauen. Dass wir uns nicht länger hinter Phrasen wie „Wird man ja wohl noch sagen dürfen“ verstecken. Dass Organisationen, die für soziale Werte stehen, diese auch intern leben. Und dass wir den Mut aufbringen, Menschenfeindlichkeit klar zu benennen – egal, wo sie uns begegnet.

    Demokratie lebt vom Streit, von Diskussion, von Haltung. Aber sie stirbt an Gleichgültigkeit, Wegsehen und Doppelmoral. Und deshalb sage ich heute klar: Ich werde nicht mehr schweigen.

  • Ein Jahr ohne Papa

    fbthdr

    Ein Jahr ohne Papa

    Heute, vor genau einem Jahr, bekam ich einen Anruf aus dem Pflegeheim in Schiffdorf – 765 Kilometer von mir entfernt. Es war die Nachricht, vor der man sich im Leben fürchtet: Mein Vater war gestorben.

    Zwei Tage zuvor, am Freitag, hatte er eine Pflegekraft gebeten, mich mit seinem Handy anzurufen. Sie hielt den Hörer an sein Ohr, und er sprach mit leiser, weinerlicher Stimme die letzten Worte, die ich je von ihm hören sollte:
    „Udo, ich gehe jetzt zur Mutti. Tschüss, Junge. Gruß an Yasmin und Veronika.“
    Mehr konnte er nicht sagen – es war sicher schon sehr anstrengend für ihn.

    Diese Worte höre ich fast jede Nacht. Besonders heute, an seinem ersten Todestag, klingen sie besonders laut in meinem Herzen. Leider kann ich heute nicht nach Bremerhaven kommen – ich habe einen wichtigen Termin in der Klinik, und bei uns zu Hause läuft gerade eine Grundrenovierung.

    Aber mein Papa ist in meinem Herzen immer da. Und ich spüre, dass der liebe Gott mir Kraft gibt.

    Ich bin meinem Cousin Ralf und seiner Frau unendlich dankbar, dass sie damals vor Ort waren – und es heute noch sind. Sie haben sich um Papa gekümmert, als ich es nicht konnte. Er hat alles so bekommen, wie er es sich gewünscht hatte:
    Ein Pflegeheim in der Nähe des Ortes, wo er einst meine Mutter heiratete, und eine Beerdigung, wie er sie sich vorgestellt hatte. Das alles hatte er bereits drei Jahre zuvor mit großer Sorgfalt organisiert.

    Dankbar bin ich auch meiner Cousine Sabiene, ihrem Vater Rudi – Papas Bruder – und Tante Ursel Rauhut Sie alle haben Papa auf eine ganz besondere Reise begleitet: nach Polen, nach Iława – dem früheren Deutsch Eylau. Dort hat er mit seinen Geschwistern seine Kindheit verbracht, bis sie im Krieg vertrieben wurden.

    Diese Reise hat ihm unglaublich viel bedeutet. Immer, wenn ich in Bremerhaven war, erzählte er davon – mit leuchtenden Augen und offenem Herzen. Besonders wenn Ralf und Jutta zu Besuch waren, hatte ich das Gefühl, Ralf sei mehr als nur ein Cousin – er war für Papa wie ein zweiter Sohn.

    Zu meinem leiblichen Bruder, der im August 2024 verstorben ist, hatten wir leider keinen Kontakt mehr – ein alter Familienstreit stand zwischen uns. Auch das hat Papas Herz schwer belastet.

    Ich vermisse ihn sehr. Aber ich weiß: Er hatte ein schönes, langes Leben. 93 Jahre alt durfte er werden. Und in Gedanken ist er jeden Tag bei mir.

  • Sozialverbände müssen politisch sein – alles andere wäre Verrat an ihren Werten

    Sozialverbände müssen politisch sein – alles andere wäre Verrat an ihren Werten

    Ein Sozialverband darf nicht nur politisch sein – er muss es sogar. Das liegt schon im Begriff „Verband“. Wer Menschen zusammenbringt, um soziale Anliegen zu vertreten, betreibt automatisch auch Verbandspolitik. Es geht darum, für die Interessen aller Mitglieder einzustehen – unabhängig von Religion, Herkunft oder Hautfarbe.

    Sozialpolitik endet nicht an der Tür der Beratungsstelle. Sie fängt dort erst richtig an. Wenn Sozialkürzungen drohen, wenn Menschen an den Rand gedrängt werden, wenn Menschenwürde und Teilhabe unter Druck geraten, muss ein Sozialverband laut werden. Und zwar unmissverständlich. Wer hier schweigt oder sich „neutral“ gibt, macht sich zum Komplizen einer Politik der sozialen Spaltung.

    Ich meine damit jeden Sozialverband, ganz egal wie groß oder klein. Das ist meine ganz persönliche Erfahrung – und auch meine Empfindung. Es schmerzt zu sehen, wenn ein Verband seine Stimme nicht erhebt oder sich aus Angst vor Kritik zurückhält. Gerade dann, wenn Menschen Hilfe brauchen, muss ein Verband Haltung zeigen. Und zwar öffentlich, politisch und solidarisch.

    Besonders gefährlich wird es, wenn Funktionsträger von Sozialverbänden demokratische Grundwerte untergraben. Wer populistischen Parolen verfällt oder menschenfeindliche Inhalte verbreitet, hat im Ehrenamt eines Sozialverbandes nichts verloren. Das ist nicht nur ein Verstoß gegen die Werte der Solidarität – es bewegt sich gefährlich nahe an der Grenze zur Volksverhetzung.

    Auch sogenannte „private“ oder „nicht-öffentliche“ Chats bieten keinen Freifahrtschein für Hetze. Wer dort falsche Zahlen über Geflüchtete verbreitet oder in einem harmlos wirkenden Urlaubs-Chat abfällige Bemerkungen wie „Die kriegen bei uns alles in den Hintern gesteckt“ macht, missbraucht sein Amt. Solche Aussagen sind nicht nur sozial zynisch – sie sind menschenverachtend und sollten Konsequenzen haben. Menschen, die so handeln, gehören nicht an die Spitze eines Orts- oder Kreisverbands.

    Demokratie lebt vom Respekt – vor Fakten, vor Mitmenschen, vor der Würde des Einzelnen. Wer bewusst falsche Zahlen nutzt, um Stimmung zu machen, verletzt nicht nur Menschenrechte, sondern auch den Auftrag eines jeden Sozialverbands.

    Deshalb: Ja, ein Sozialverband muss politisch sein. Denn wer sich aus der politischen Verantwortung stiehlt, verrät all jene, die er eigentlich schützen will.

Verified by MonsterInsights